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Vollendete Tatsachen

Mai 8, 2020 - Lesezeit: ~1 Minute

Anmerkung: Dieser Text macht ohne diesen wenig Sinn.

von J. O., 08.05.2020

Im träumerischen Ort S., bekannt für seinen familienfreundlichen Tourismus und einladende Badestellen, brannte gestern ein Haus komplett nieder.

Ein Ferienhaus am Ortsrand brannte gestern vollständig nieder. Zum Zeitpunkt des Brandes hielt sich niemand im Haus auf. Die Feuerwehr war schnell vor Ort, konnte gegen das Feuer jedoch nicht viel ausrichten. Feuerwehrwachtmeister O.:

Schon von weitem waren die Flammen zu sehen. Wir vermuteten bereits bei der Ankunft, dass hier ein Fall von Brandstiftung vorliegt, da offenkundig entweder sehr stark brennbare Substanzen oder Brandbeschleuniger im Spiel gewesen sein mussten.

Der Besitzer der Anlage, Herr P., fand sich am Tatort ein und zeigte sich bestürzt. Im Beisein der Polizei deutete er an, er "hätte es ja ahnen können". Bei genauerer Nachfrage winkte er jedoch ab und erklärte, er könne sich den Vorfall nicht erklären. Die Polizei leitete eine umfassende Untersuchung ein.


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Der entscheidende Faktor

April 26, 2020 - Lesezeit: 4 Minuten

Sehr geehrter Herr K.,

Wir haben lange überlegt, wie wir die offenkundig überwältigende Anzahl Anfragen für die aktuelle Saison in ein akzeptables Verhältnis zu unseren Unterbringungsmöglichkeiten bringen können.

Daher bedauern wir umso mehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihren geplanten Aufenthalt in unserer Ferienanlage "W..." für den Zeitraum 25.07.-08.08.20 von unserer Seite stornieren müssen.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen, W. P.


Sehr geehrter Herr P.,

wieviel wurde Ihnen geboten?

Mit neugierigen Grüßen, H. K.


Lieber Herr K., erstmal ist es sehr unangebracht, mir zu unterstellen, ich würde Ihre Buchung wegen mit Sicherheit illegaler, höherer Gebote stornieren!

Sie können allerdings wieder ins Rennen aufgenommen werden, wenn Sie wenigstens den 2,4-fachen Preis zu zahlen bereit sind. Um Ihre Chancen zu erhöhen, würde ich Ihnen allerdings raten, etwas höher zu gehen, um nicht sofort wieder ins Hintertreffen zu geraten.


Werter Herr P., ich finde es extrem unmoralisch wie Sie hier die Krise zu Ihren Gunsten ausnutzen und sich an Pärchen und Familien bereichern!

Sie erinnern sich bestimmt: Ich bringe zwei Kinder mit, die monatelang nur ihr Zimmer und Orte im Umkreis von 1500 Metern um unsere Wohnung gesehen haben.

Im Übrigen bin ich mit dem Faktor 3 einverstanden. Lassen Sie uns nicht lange feilschen und diese Situation ohne viel Diskussion hinter uns bringen.


Herr P., ein Manager mit überdurchschnittlichem Einkommen hat mir direkt Faktor 6 angeboten und unaufgefordert eine Anzahlung mit Faktor 2 getätigt.

Wäre es jemand anderes gewesen, ich hätte nicht gezögert. Auf der anderen Seite hasse ich die moralische Verdorbenheit seines Berufsstands und würde daher gerne auf andere Angebote eingehen.

Ernsthaft konkurrieren Sie gerade in erster Linie mit einem Arzt, der zufällig aus der gleichen Stadt kommt wie Sie. Er hat ebenfalls 2 Kinder und würde Faktor 3,5 bieten. Wenn Sie mir Faktor 4 bieten, steht einer direkten Zusage nichts im Weg, denke ich.


Ich weiß die Konsequenzen Ihrer fragwürdigen Ansichten zu schätzen. Ohne Leute mit solch einer Einstellung würde es derzeit wohl vielen "normalen" Leuten kaum noch möglich sein, überhaupt irgendwo Urlaub zu machen.

Schweren Herzens willige ich also ein, wenn denn nun bei Faktor 4 wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Mehr ist für mich einfach nicht machbar.


Herr P., ich finde Ihr Angebot sehr vernünftig und im Sinne unserer bisherigen Unterhaltung durchaus angemessen. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen und auch mit meiner Frau darüber geredet. Wir waren letztlich beide der Meinung, dass man es irgendwann auch gut sein lassen sollte. Genug ist genug. Dann hat direkt nach dem Frühstück der Manager angerufen und ins Telefon geschrien, dass er Faktor 10 akzeptiert. Natürlich blieb mir an dieser Stelle nichts anderes übrig, als ihm zuzusagen. Was hätten Sie an meiner Stelle getan?


Herr K., ich verstehe Ihre Beweggründe und freue mich bis zu einem gewissen Grad, dass ich nun doch deutlich Geld (auf Kosten meiner Nerven) spare.

An dieser Stelle möchte ich allerdings eine Sache betonen: Ich weiß, wo Sie wohnen.


Wenn Sie sich in dieser Angelegenheit auf das Impressum meiner Internetseite verlassen: Davon kann ich Ihnen nur abraten. Ich wohne nicht wirklich in einem Polizeirevier in H. Vielleicht erwägen Sie auch, mein Unternehmen auf gewissen Plattformen schlecht zu bewerten. Davon kann ich Sie natürlich nicht abhalten. Allerdings spielt das in der aktuellen Situation nur eine sehr geringe Rolle.


Fein, fein. Werden Sie glücklich mit Ihrem Manager.

Ich feile schon an einigen möglichst realistisch klingenden, detailreichen Bewertungen. Habe schließlich noch genug Zeit dafür.

Auf Nimmersehen.


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Die viel zu kurze Nacht

Dezember 16, 2018 - Lesezeit: 26 Minuten

I

Die Wanderung durch die kalte, verschneite Nacht, durch dunkle Gassen und gähnend leere Straßen hat seine Spuren hinterlassen.

Der Alkohol ist in alle Glieder gekrochen und will nicht mehr heraus. Die Wärme, die er vor Stunden gespendet hat, ist unerbittlicher Kälte gewichen. Der Weg nach Hause scheint unendlich lang.

Man muss es selbst erlebt haben, um verstehen zu können, wie einsam man ist, wenn niemand da ist, der noch mitsingen will, während man torkelnd die richtige Hausnummer sucht.

Gut, einer hat seinen Kopf aus dem Fenster gestreckt und gerufen, ich solle doch gefälligst Ruhe geben.

...

Wenn wenigstens der Schlüssel passen würde ... Er lässt sich nicht im Schloss umdrehen!

Nach einigen Versuchen, die Tür zu öffnen gebe ich auf und lasse mich kraftlos gegen die Tür fallen.

Ich hätte mich vorher vielleicht umdrehen sollen. Mit dem Gesicht die Tür herunterzugleiten ist keine Erfahrung, die ich unbedingt noch einmal erleben muss (Ja, Türklinke, du bist auch gemeint!).

Wenige Minuten später bin ich wieder wach. Zitternd erhebe ich mich und stelle mich erneut vor die Tür.

Was hatte ich mir bloß gedacht?

Ach ja, vor der Tür wollte ich übernachten. Warum hat mir eigentlich keiner gesagt, dass es im Dezember kalt ist? Im Sommer war das alles gar kein Problem.

Ich versuche noch einige Male, den Schlüssel im Schloss zu drehen.

Das klingt so einfach. Eigentlich habe ich versucht, das Schloss zu treffen. Und in den wenigen Fällen, in denen es klappte, hat das Umdrehen auch mehr schlecht als recht geklappt.

Meine kalten Finger wollen mir nach einiger Zeit zu verstehen geben, dass ich nicht mehr allzu viele Versuche habe. Eigentlich kann ich aber auch aufhören. Ich bin mir doch ziemlich sicher, dass der Schlüssel nicht mehr passt.

Das war bestimmt L. Hat schon mal das Schloss tauschen lassen. Ich wette, L. steckt hinter der Sache. Wer sonst? Ich rufe kurzerhand an. Sie meldet sich tatsächlich.

"Wer ist da? ... Es ist ... 5.30 Uhr an einem Samstag!"
"Ich bin's!"
"..."
"Na ich! Erkennst du mich nicht?"
"Ach du! Was willst du? Du weißt genau, dass du mich nicht mehr anrufen darfst? Muss ich erst wieder meinen Anwalt anrufen?"
"Ach komm, L.! Jetzt werd' nicht gleich so aggro"
"Du hast wieder getrunken, oder? Ich höre das doch!"
"Ich? Aber nur ein bisschen! Ich brauch' das manchmal, ich ..."
"Ja, ja. Können wir ein andermal reden? Ich muss heute noch arbeiten und brauche den Schlaf."
"Jetzt rede dich nicht raus! Ich rufe nicht zum Spaß an. Was hast du mit meinem Schloss gemacht? Hast du das wieder gewechselt? Ich habe dich da ganz deutlich ..."
"Bitte? Was sagst du da? Sei froh, dass ich überhaupt mit dir rede"
"Ach, soll ich mich geschmeichelt fühlen oder was? Das ist ja wohl ..."
"Mach mal halblang. Ich habe kein Schloss ausgetauscht. Jedenfalls nicht deines."
"Ach so, aber das von wem anderes?"
"Ja, ja. Du warst nicht die einzige unzumutbare Bekanntschaft"
"..."
"Ich schlafe jetzt weiter. Mach, was du willst, aber ruf' mich nicht weiter an"

Das Telefonat ist beendet. Ich brauche ein paar Momente, um das Gespräch zu verarbeiten.

Obwohl, um ehrlich zu sein, habe ich die Hälfte nicht mitbekommen. Oder vergessen. Macht sowieso keinen Unterschied.

Aber L. war's nicht.

Ich mache mich auf den Weg in die Kälte. Ein letzter Blick auf das Schild an der Tür.

Da steht ... Moment ... Kenn' ich nicht!

Mit aller Kraft, die mir noch zur Verfügung steht, schreie ich den Flur herunter. Ein widerliches Krächzen hallt zurück. War ich das? Und warum schmeckt es in meinem Mund ein bisschen nach Erbrochenem?

Ich muss jetzt zu Boden sinken und weinen.

Laut schluchzend werfe ich mich zu Boden. Das funktioniert noch so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenigstens etwas.

So ein bisschen tut es auch gut, den ganzen Frust herauszuwimmern. Es tut so gut, dass ich nach wenigen Minuten (glaube ich) in hemmungsloses Weinen übergehe. So einfach kann das sein, den Emotionen freien Lauf zu lassen.

Nach einiger Zeit öffnet sich einige Meter den Flur herunter eine Tür. Ein neugieriges Gesicht beäugt mich still. Aber ich habe es gesehen und starre mit verzerrtem Gesicht zurück. Die Person an der Tür lässt sich davon nicht irritieren und legt den Kopf etwas schräg.

Richtig. Hart sein, dem Schicksal die kalte Schulter zeigen. Ich kann das.

Ich gehe wieder raus in die Kälte. Irgendetwas wird mir schon noch einfallen.

Draußen ist es immer noch überwältigend kalt. Würde mir gerne die Jacke weiter zuknöpfen, aber ich bin bereits ganz oben angekommen. Die Mütze lässt sich nicht weiter über die Ohren ziehen; ich habe sie scheinbar unterwegs verloren.

Der Wind hat in den letzten Minuten offenbar zugelegt. Es ist noch unangenehmer als vorhin. Murrend setze ich mich in Bewegung und laufe ziellos die Straße herunter. Wohin will ich eigentlich?

Müde und erschöpft kämpfe ich mich weiter. Schnee (?) peitscht mir ins Gesicht und lässt mich am ganzen Körper frösteln.

Ich habe es mir schon oft geschworen, aber diesmal ist es ganz sicher: Ich werde bestimmt nicht wieder die Kontrolle über meinen Alkoholkonsum verlieren. Die letzten sechs - nein sieben - Male war ich uneinsichtig. Mag sein. Aber diesmal ist es völlig klar. Ich will keine schweren Beine, Erbrechen, peinliche Telefonate und Filmrisse mehr. Im Leben geht es um mehr als das. Um viel mehr.

Vielleicht sollte ich L.s Rat annehmen und mich für einen Yogakurs anmelden, meinen inneren Frieden finden und mein Leben endlich in den Griff bekommen.

Ja, das sollte ich tun.

II

Währenddessen erreiche ich einen Supermarkt. Natürlich ist er geschlossen. Warum erkenne ich den Laden nicht?

Ich gehe zur Rückseite. Dort weht mir der Wind nicht so ins Gesicht.

Gegen die Wand gelehnt lässt sich der Schnee halbwegs ertragen. Wärmer ist es hier natürlich nicht. Was würde ich dafür geben, jetzt zuhause zu sein, duschen zu können und nur noch ins Bett zu fallen.

Ich merke kaum, wie sich eine Frau nähert und etwas abseits stehen bleibt. Sie sagt irgendetwas.

"Häh?", frage ich.
"Ich fragte", ruft die Frau herüber, "wer Sie sind und was sie hier verloren haben!"
"Was geht Sie das an?"
"Na hören Sie mal! Sie stehen an einem Samstagmorgen am Hintereingang und es sieht so aus, als würden sie nur darauf warten, dass jemand kommt. Jemand, den Sie überfallen können!"
"Bloß weil ich mit dem Schal das halbe Gesicht verdecke und zu gottloser Zeit an einem Supermarkt stehe, heißt das noch gar nichts", will ich erbost zurückrufen, aber mein Mund und besonders meine Zunge sind schon schlafen gegangen. Die Frau, vermutlich Angestellte, wirkt irritiert, kommt aber trotzdem näher. Wahrscheinlich wirke ich nicht besonders unheimlich.

Sie schaut nun etwas mitleidig zu mir herüber. Offenbar erkennt man schon aus einiger Entfernung, dass ich vor Kälte zittere.

Etwas ermutigt kommt sie noch näher und schaut mir in die Augen.

"Nehmen Sie doch mal den Schal runter, damit ich Sie besser sehen kann", sagt sie und wartet. Widerwillig entferne ich den Schal.

Sie kommt näher und schaut mir argwöhnisch ins Gesicht. Außer zitternden Lippen und trägen Augenlidern gibt es da aber wenig zu sehen.

"Also gut", sagt sie schließlich, "Es ist kalt, Sie sehen mitgenommen aus. Kommen Sie doch für einen Moment mit herein"

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und komme mit in den Personalraum des Supermarkts. Auf einem Stuhl lasse ich mich mit einem Seufzer nieder.

"Ich bin die D. Wie heißen Sie?"

Ich versuche, etwas zu sagen, aber es kommt nichts Verständliches dabei heraus.

"Ist ja gut. Wir werden schon irgendwie herausfinden wie du heißt und wo dein Betreuer ist. Der wird dich dann abholen, nicht?"

Mein was? Ich will entrüstet Widerworte geben, aber mein Gemurmel mit Gehüpfe auf dem Stuhl klingt eher wie freudige Zustimmung.

Alarmiert durch meine plötzliche Bewegung holt die Verkäuferin eine kleine Flasche aus ihrer Handtasche.

"Bleiben Sie schön sitzen!"
"Was haben sie denn? Ich mache doch nichts", nuschele ich in den Schal und stehe mit den Armen fuchtelnd auf.

Sie verliert die Beherrschung, sprüht mir mit der kleinen Flasche etwas in die Augen und tritt mir in den Bauch.
Ächzend breche ich zusammen, keuche einige Male und verliere das Bewusstsein.

Als ich wieder aufwache, bin ich in einem kleinen, schlecht beleuchteten Raum an einen Stuhl gefesselt und kann mich nicht bewegen. Meine Augen schmerzen, aber nicht so sehr wie mein Kopf.
Mir ist nach schreien, aber mein Mund ist mit irgendetwas stoffigem verbunden. Keine Chance.

Nach einigen Minuten erscheint meine Geiselnehmerin. Sie hat sich bereits umgezogen und steht in ihrer Arbeitskleidung vor mir.

"So hast du dir das nicht vorgestellt, nicht wahr?", sagt sie und stemmt die Arme in die Hüfte.

"Was vorgestellt?", frage ich nach ein paar Versuchen, meine Stimme wiederzufinden.

"Ach mach' dich nicht lächerlich. Einmal habt ihr's geschafft und mir das bisschen Bargeld abgenommen, das ich bei mir hatte. Aber diesmal bin ich vorbereitet. Ich lasse mich doch nicht zweimal von euch überfallen!"

"Wer sagt denn was von überfallen? Ich bin doch nur ..."

"Ja, ja, behalte deine Lügen für dich. Und damit das klar ist: Das ist noch nicht das Ende vom Spiel. Ich hole jetzt den schicken Kleber für deinen vorlauten Mund und die Zange. Wenn ich wieder hier bin, zeige ich dir, wie man aus einem Langfinger einen Kurzfinger macht!"

Mit diesen Worten verlässt sie merkwürdig lachend den Raum.

Beruhigt möchte ich in den Schlaf sinken. Schließlich ist es gerade schön warm und die Fesseln schmerzen nur mittelmäßig.

Leider wird mir nach ein paar Minuten schlagartig klar, was dieses Langfinger-Wortspiel sollte.

Ich muss verschwinden, egal wie. Eine der zwei Türen des Zimmers ist leicht geöffnet. Die Verkäuferin ist dort zwar durchgegangen, aber zumindest kann ich dort überhaupt entlang.

Unendlich langsam, und leider auch mit erheblichen Geräuschen schaffe ich es zur Tür, öffne sie langsam und schaue in den angrenzenden Raum.

Dort ist der Verkaufsraum des Supermarkts. Die Verkäuferin kann ich nicht entdecken. Zeit also, meine Chance zu nutzen, und zum Ausgang zu rutschen.

Zentimeter für Zentimeter arbeite ich mich vorwärts. Der Stuhl macht dabei unterschiedlichste Geräusche. Nach einigen Minuten sehe ich den Ausgang vor mir. Wenn ich normal laufen könnte, wäre ich schnell dort und könnte den Fängen der Fingerknipserin entkommen.

Mit dem Stuhl dauert es jedoch gefühlt Stunden, bis ich auch nur die Hälfte des Weges zurückgelegt habe. Der Schweiß perlt mir von der Stirn. Meine Gedanken werden immer unsortierter.

Und dann sehe ich sie. Ein paar Regale weiter räumt sie einige Dinge in die Regale. Warum sie mich nicht hört, ist mir ein Rätsel. Das macht aber nichts, denn sie dreht sich gerade um und sieht, dass ich auf der Flucht bin.

Augenblicklich macht sie sich auf den Weg zu mir.

Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Einfach weiter zum Ausgang rutschen. Vielleicht schaffe ich es noch!

Ich rutsche weiter und weiter, bis ich sie förmlich in meinem Nacken spüren kann. Dabei fällt mir auf, dass sich die Fesseln während der letzten - sehr ruckhaften - Bewegungen gelöst haben.

So schnell wie möglich (dass heißt in meiner Verfassung: eher langsam) löse ich die Fesseln, erhebe mich mit einem Ächzen vom Stuhl und laufe los.

Ich hoffe, dass der Ausgang schon geöffnet ist und werde zum Glück nicht enttäuscht. Meine Peinigerin ruft noch ein paar niederträchtige Dinge, aber ich werde nicht zurückgehen, um nachzufragen, für was genau sie mich hält.

Ich laufe, so schnell es mir meine betäubten Gliedmaßen und der Restalkohol erlauben, aus dem Markt und auf die Straße. Nichts, niemand. Sie steht stumm an einer Scheibe und starrt mich wütend an, macht aber keine Anstalten, mich zu verfolgen.

Zur Polizei zu gehen kommt mir spontan in den Sinn. Wieso soll man sich so eine Behandlung bieten lassen? Was habe ich denn getan, dass ich so behandelt werden muss? Der Gedanke verflüchtigt sich so schnell wie er kam.

Es wird Zeit, sich vom Fleck zu bewegen. Die Kälte lässt unmissverständlich wissen, dass Menschen zu dieser Uhrzeit nichts auf der Straße zu suchen haben. Ich setze mich also wieder langsam in Bewegung, wobei ich den Supermarkt noch eine Weile im Blick behalte. Wer weiß, was da noch möglich ist.

Nach einigen Minuten fällt mir eine geöffnete Haustür auf der rechten Straßenseite auf. Ein Mehrfamilienhaus.

Die Kälte kriecht mir weiter in die Glieder. Meine Mutter sagte früher immer ... Ich kann mich nicht mehr an die genauen Worte erinnern. Jedenfalls sagte sie manchmal im Winter etwas davon, dass man sich schön warm anziehen soll, damit man nicht friert wie ein Eichhörnchen.

Ich habe die Aussage dahinter nie richtig verstanden. Ich habe gelesen, dass Eichhörnchen keinen Winterschlaf halten, sondern nur Winterruhe - also ab und an auf Nahrungssuche gehen, aber dass sie dabei frieren? Ich weiß ja nicht.

Andererseits habe ich die Aussage damals nie hinterfragt. Irgendwie dachte ich, an der Aussage müsse schon etwas dran sein. Sie sagt das bestimmt nicht nur zum Spaß!

...

Jedenfalls wirkt die Tür außergewöhnlich einladend. Vorsichtig öffne ich sie und schaue ins Dunkel dahinter. Ich kann kaum etwas erkennen. Eine Treppe führt zu den Wohnungen hinauf.

Ein warmer Schwall Luft kommt mit entgegen. Auf dem Treppenflur scheint es relativ warm zu sein. Unvorstellbar.

Ich schlüpfe lautlos (ja, sicher!) durch die Tür und betrete den Flur. Es ist angenehm warm, bestimmt 21 Grad oder mehr. Neben überwältigender Freude stellt sich nach wenigen Minuten bleierne Müdigkeit ein.

Leider ist weit und breit kein Stuhl zu sehen. Auch kein Sofa. Warum gibt es eigentlich nicht mehr Treppenflure mit Sofa? Das ist doch viel angenehmer für Gäste wie mich.

Oder ein Sofa in der zweiten von vier Etagen: Wenn man ganz oben wohnt und gerade eingekauft hat, kann man im zweiten Stock etwas verschnaufen, bis man wieder zu Kräften kommt.

Oder Thema Schlüsselvergessen: Statt stundenlang ausgesperrt vor der eigenen Tür zu stehen und auf den Schlüsseldienst zu warten, wäre es doch sicher angenehmer, auf einem Sofa sitzend über die Unergründlichkeit des Schicksals und die menschliche Tragödie insgesamt nachzugrübeln? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum braucht der Schlüsseldienst so lange?

Jedenfalls: Die Treppe macht sich bestimmt gut als Bett für ein paar Minuten. Solange es so schön warm ist ...

...

III

Ich bin wohl tatsächlich eingeschlafen. Es ist immer noch ganz angenehm warm, aber mir schmerzt der Rücken und der linke Arm ist eingeschlafen.

Langsam werde ich wacher und bemerke einen Schatten neben mir.

"Hallo", sagt der Schatten.
"..."
"Ich bin Fred."
"Ich bin müde."
"Warum sind sie denn so unfreundlich, ... mein Freund?", fragt der Schatten in aller Freundlichkeit.
"Mein Name tut nichts zur Sache", antworte ich trotzdem etwas gereizt.
"Sie wissen schon, dass ich die Polizei rufen könnte? Sie liegen hier im Haus und ich glaube kaum, dass sie hier Mieter sind, richtig?"
"Schon möglich"

Inzwischen springt mein Hirn langsam wieder an und beginnt, die eine oder andere Ungereimtheit zu hinterfragen.

"Wenn Sie dann also Mieter hier sind ..."
"Ja?"
"Was bringt sie dann dazu, hier im Treppenhaus zu übernachten?"

Der Schatten lässt eine kurze Pause entstehen, antwortet aber schließlich.

"Meine Frau hat mich mal wieder rausgeworfen"
"Ihre Frau wirft Sie auf den Flur? Habt ihr kein Gästezimmer oder ein Wohnzimmer mit Couch?"
"Doch, doch, haben wir alles", entgegnet der Schatten, "aber meine Frau macht Unterschiede. Bei kleineren Vergehen geht's auf das Sofa, bei schwereren ins Gästezimmer"
"Ach, und wenn Sie sich völlig daneben benommen haben, müssen Sie auf den Flur?"
"Tja"
"Jetzt müssen Sie mir aber auch verraten, was das für Dinge sind, für die Sie geradestehen müssen!"
"Muss ich nicht!"

Der Schatten verschränkt die Arme vor der Brust. Vielleicht schaut er auch stur geradeaus zur Haustür. Kann ich aber nicht beschwören, es ist sehr dunkel.

Nach ein paar Minuten der Stille seufzt der Schatten und räuspert sich.

"Na gut. Ich will offen zu ihnen sein. Wir sehen uns sicherlich nicht wieder"
"Sicherlich"
"Ich arbeite in einer Bank ..."
"Ach, ich will's gar nicht wissen", falle ich ihm ins Wort.
"... Sind Sie sicher?", fragt der Schatten ungläubig.
"Ganz sicher!"

Der Bankmitarbeiter lässt sich trotzdem nicht aufhalten.

"... Ich helfe VIPs bei ihren 'Steuererklärungen'"
"Schön für Sie ..."
"Jetzt ist es raus. Wissen Sie, ich habe das bisher niemandem anvertraut, außer meiner Frau"
"Das ändert nichts daran, dass ich das gar nicht wissen wollte"
"Wissen Sie, wieviel Überwindung mich das gerade gekostet hat?"
"Soviel kann's nicht gewesen sein"
"Wenn Sie wollen, kann ich mir auch mal Ihre Steuererklärung anschauen und ein bisschen frisieren. Was meinen Sie?"
"..."
"Oder, nein, besser doch nicht. Ich glaube, wir lassen das besser"
"Ich glaube auch"

Beruhigendes Schweigen tritt für einige Momente ein. Eine Frage drängt sich mir schließlich auf, stolpert aus dem Unterbewusstsein hoch und läuft mir ungefragt über die Zunge.

"Wieso ist es hier im Treppenflur eigentlich so gemütlich warm?"

Im nächsten Moment möchte ich mich für die Frage fast ohrfeigen, aber was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen.

"Nun, das ist so ...", beginnt der Schatten. Ich könnte schwören, dass er hektisch herumschaut, aber in der Dunkelheit lässt sich das nicht bestätigen.
"Nun", beginnt er erneut, "Meine Frau darf mich bestrafen. Ich habe das gerade erklärt, nicht wahr? ... Aber natürlich darf die Strafe nicht allzu gemein sein. Um mir also im Winter die Nacht erträglich zu machen, darf ich die Flurheizung - also die in unserer Wohnung - aufdrehen, damit mir nicht kalt wird. Meine Frau braucht dann auch nirgendwo anders heizen, es ist überall schön warm"

Ich kichere kurz, mir kommt das Ganze etwas absurd vor.

"Sie heizen hier mit einem Heizkörper ihre Wohnung und gleich einen Teil vom Treppenhaus. Habe ich das gerade richtig verstanden?"
"So ist es", sagt der Schatten und nickt leicht.
"Ist das nicht teuer?"
"Nein, nein. Das hält sich in Grenzen"
"In Grenzen? Wie genau soll das denn gehen?"

Der Schatten windet sich offenbar, mir eine Antwort zu geben und lässt sich Zeit.

"Also?", frage ich ihn erneut.
"Also ...", antwortet er. Das war's schon wieder.
"Nun geben Sie sich einen Ruck!"

Der Schatten zuckt ein bisschen, vielleicht war ich etwas laut.

"Also denn. Ich muss das nicht alles bezahlen"
"Das heißt konkret?"
"Das heißt konkret, dass die Heizrechnung komplett auf alle Mieter umgelegt wird"
"..."

Mir ist die Lust an einer Unterhaltung mit dem Schatten vergangen. Das war sicherlich nur die Spitze des Eisberges. Wer weiß, was für Schauergeschichten er noch auf Lager hat: Affäre mit der Rentnerin im 3., monatliches Blutopfer an seinen Finanzguru in der Sekte der verlorenen Seelen und so weiter.

Langsam erhebe ich mich von der Treppe. Mein Rücken schmerzt vom unebenen Untergrund und die Sachen sind noch ein bisschen dreckiger als vorher. Lässt sich nicht ändern. Aber wenn ich noch ein paar Minuten mit dem Schatten rede, muss ich ihm vielleicht den Hals umdrehen. Andererseits: Allein der Gedanke, wieder in die Kälte zurückzugehen lässt mich schaudern. Ich bin unentschlossen.

Der Schatten bleibt einige Minuten ruhig. Langsam wundere ich mich, warum er nicht wieder versucht, mir etwas aus seinem sorgenvollen Leben zu erzählen. Noch einmal rollt mir eine Frage aus dem Unterbewusstsein auf die Zunge, bevor ich sie wieder herunterwürgen kann.

"Weswegen sitzen Sie denn heute eigentlich auf der Treppe?"

Einige Sekunden vergehen, bevor er antwortet.

"... Also, mein Freund, die Sache liegt so", flüstert der Schatten. Trotz der Wärme im Flur bekomme ich eine Gänsehaut. Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht.
"Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht geschehen sollten; Dinge, die nicht ohne Folgen bleiben ... Dinge, die man nicht ungeschehen machen kann; Dinge ..."
"Ja, ja. Dinge. Ich weiß Bescheid"
"Gut ... gut" Der Schatten nimmt sich für einen Moment zurück und sammelt sich. Er atmet schwer, dann spricht er weiter.
"Nun, ich habe einer alten Frau auf ihrem Sterbebett einen Bausparvertrag verkauft ... Äh, ach nein, stimmt gar nicht. Das war mein Bruder. Hat er letzte Woche beim Stammtisch erzählt"
"Aha. Scheint ja ein echt liebenswürdiger Kerl zu sein, ihr Bruder"
"Finden Sie? Also eigentlich ist das schon ziemlich gemein, oder?"
"..."
"Jedenfalls, meine Frau hat mich rausgeworfen, weil ich die Nachbarskinder mit Schneebällen beworfen habe"

...

"Ja und?", frage ich irritiert.
"Einer der Jungs - ich nenne jetzt keinen Namen - wurde im Gesicht getroffen ... Ich habe ihn getroffen, den armen Jungen"

Die Stimme des Schatten bricht ab. Er kann sich nicht mehr beherrschen und beginnt hemmungslos zu schluchzen. Fast könnte er mir ein wenig leid tun, wenn er nicht komplett den Verstand verloren hätte.

Nach einigen Minuten des Schluchzens und Wimmerns fängt er sich abrupt und fingert nervös in der Gegend herum.

"Was suchen Sie denn", frage ich ihn. "Das geht Sie gar nichts an", erwidert er schroff. Nach einigen weiteren Sekunden findet er, wonach er gesucht hat und rückt auffällig dicht an mich heran.

"Hören Sie", beginnt er, "Nehmen Sie es nicht persönlich, aber das Wissen um diesen Vorfall belastet meine Seele immens und es war ein ... Fehler, Ihnen davon zu erzählen. Ich habe nichts gegen Sie, aber das nun Folgende lässt sich leider nicht vermeiden"

Mit diesen Worten zieht er mir das Kissen, auf dem ich sitze, weg und drückt es mir ungefragt ins Gesicht. Ich kann mich nicht wehren. Meine Gedanken kreisen um warme Kissen. Mit einem warmen Kissen erstickt zu werden ist sicher viel angenehmer als mit einem eiskalten. Eiskalte Kissen sind nämlich ziemlich kalt, denke ich. Zum Glück habe ich ja ein warmes.

...


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Alt genug?

Juni 6, 2016 - Lesezeit: 6 Minuten

Mit dem Messer in der Hand humpelte Liselotte über den Flur. Währenddessen schimpfte sie ohne Unterlass. Ganze Sätze waren Mangelware. Stakkatoartig hustete sie Wortgruppen auf den Flur, deren Inhalt sich dem geneigten Zuhörer nicht von selbst erklären wollten. Schließlich hielt sie an einer Tür an und schaute angestrengt auf das Schild: Irmgard H.

Ohne Anzuklopfen riss sie die Tür mit erstaunlichem Schwung auf und humpelte ins Zimmer. Dabei erhob sie das Messer und fletschte die Zähne.

Irmgard kauerte ihr zugewandt auf dem Boden und schaute mit weit aufgerissenen Augen in ihre Richtung. Liselotte blieb mit weiterhin erhobenem Arm stehen und versuchte, sich ein Bild zu machen.

Irmgard hatte die Vorhänge geöffnet und die Mittagssonne durchflutete den Raum. Liselotte musste sich die andere Hand schützend vor die Augen halten, um nicht völlig geblendet zu werden. Erstarrt stand sie da, ganz ohne Murren, völlig verstummt, und wartete darauf, dass sich ihre Augen an das Licht gewöhnen würden.

„Warum hast du die Vorhänge aufgezogen, Irmgard?“, fragte Liselotte schließlich. „Warum nicht? Es ist Tag! Und wozu dieser anklagende Unterton, Nachbarin? Ich habe Dich ohnehin nicht eingeladen …“ „Na und? Aber wer in Gottes Namen braucht soviel Licht?“ „Ich brauche das, Nachbarin, ich. Denn meine Kontaktlinsen finden sich nicht von allein“ „Dann finde sie schneller, ich hab‘ noch ‚was vor!“ „Ach, du ‚hast noch ‚was vor‘, Nachbarin“, erwiderte Irmgard verächtlich, „Das klingt ausgesprochen interessant. Wenn ich meine Kontaktlinsen wiedergefunden habe, musst du mir das ganz detailliert erzählen. Solange kannst Du mir aber beim Suchen helfen. Wie du sicher weißt, bin ich ohne meine Kontaktlinsen nicht zu gebrauchen“ „Ja, ja, weiß ich. Aber einen Teufel werde ich. Du kannst deine Kontaktlinsen alleine finden“

Etwas wirr schaute sie nun trotzdem im Raum umher und wippte nervös auf ihren Füßen. Den Arm mit dem Messer nahm sie herunter und auch der andere Arm durfte ruhen, denn die Augen hatten sich an das Licht gewöhnt. Das Messer erzeugte ein Lichtspiel an der Wand. Irmgard suchte den Teppich weiter ab.

„Liselotte …“

„Liselotte!“

„Ja, was denn?“, rief sie gereizt.

„Lass das Gesuche. Es hat doch keinen Zweck“

„Wieso?“

„Lass es doch bleiben. Ich habe dir etwas zu sagen. Das geht zur Not auch ohne Kontaktlinsen …“ „Das glaubst du also? Ich habe meine Kontaktlinsen schon längst eingesetzt!“, sagte Irmgard laut und zog behänd eine winzige Pistole aus ihrem Rock hervor. Liselotte gab keinen Laut von sich, doch ihre Miene verfinsterte sich.

„Ich habe schon geahnt, dass du hier aufkreuzen würdest, um irgendetwas Furchtbares zu tun. Also habe ich mich vorbereitet“

„Ach, hast du das?“ Liselotte lachte hart.

In diesem Moment wurde die Tür noch weiter aufgestoßen und Helga kam an ihrem Gehstock hereingestolpert. Auch sie hatte eine kleine Pistole in der Hand und ein wildes Funkeln in ihren 84-jährigen Augen ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Waffe einsetzen würde.

„Da staunst du, Liselotte, nicht wahr? Du dachtest, du könntest mit mir, deiner besten Freundin, Pistolen kaufen gehen und jetzt das hier. Deine ‚beste Freundin‘ hintergeht dich, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken!“

Sie ließ eine kurze, vermutlich dramatisch gemeinte Pause und drückte ab. Stille. Es löste sich kein Schuss. Auch die nächsten Versuche blieben ohne Erfolg. Die Pistole kam ihrem Auftrag nicht nach. Helgas Grinsen entglitt und wich allgemeiner Ausdruckslosigkeit.

Im Angesicht der Pistole in Irmgards Hand hätte man vielleicht Furcht oder Panik erwartet, doch darüber schien sie hinweg zu sein.

„‚Beste Freundin‘ sagst du? Ich kenne dein dunkles Geheimnis längst. Schon seit Monaten kannst du mir nichts mehr vormachen“, rief Irmgard so laut, dass es der ganze Flur hören musste.

„Schrei doch noch lauter, Irmchen, damit auch die Wachen am Eingang etwas hören und schnell heraufkommen?“, erwiderte Helga, „Was die wohl zu unseren Pistolen sagen werden?“

Und siehe da. Es ließen sich Schritte auf dem Flur vernehmen. Helga und Liselotte zuckten zusammen, nur die schwerhörige Irmgard ließ sich nichts anmerken. Helga schaute umgehend nach, wer sich näherte.

„Es ist Alma“, flüsterte Helga.

„Trauma-Alma?“, fragte Liselotte.

„Ja, die österreichische Trauma-Alma. Keine Ahnung, wie sie es hierher geschafft hat“

„Die wohnt doch zwei Stockwerke tiefer, nicht wahr?“

Irmgard gefiel das Tuscheln der beiden Frauen vor ihr gar nicht: „Wer kommt da? Sagt mir auch mal jemand etwas?“

„Nur, wenn du deine Pistole ‚runternimmst!“, sagte Liselotte. Irmgard blickte etwas nachdenklich, ließ die Waffe schließlich sinken und versteckte sie wieder.

Als sie gerade damit fertig war, kam Alma zur Tür geschlichen. Sie schob einen Gehwagen vor sich her und blickte nacheinander mürrisch auf die drei Frauen.

„Wisst ihr was!“, begann sie unfreundlich, „Eure Eskapaden sind legendär. Alle paar Wochen duelliert ihr euch auf scheinbar höchstem Niveau und denkt euch neue Möglichkeiten aus, euch gegenseitig auszuspielen. Aber heuer bin ich eurer Eskapaden überdrüssig. Es muss ein Ende haben!“

„Ach Alma“, begann Helga, „Du nimmst diese Angelegenheiten viel zu ernst. Und außerdem gehen sie dich gar nichts an. Geh wieder zurück in dein Zimmer und …“

„Einen Teufel werde ich. Jedesmal enden eure Spielereien damit, dass die Wachen kommen müssen und euch ruhigstellen. Wenn ihr dann wenigstens dazulernen würdet! Ich habe der Heimleitung schon so oft gesagt, dass sie nicht alle Demenzkranken auf einem Flur unterbringen soll. Das bringt nur Unglück!“

Die Anwesenden schauten etwas ratlos in die Runde. Der Nährboden für schlagfertige Erwiderungen war mit einem Schlag verödet.

„Aber kommen wir zu den wirklich wichtigen Dingen“, fuhr Alma fort, „Ich habe da etwas vorbereitet“

Alma schlug die Decke zurück, die sie über ihren Gehwagen gelegt hatte und legte eine Reihe Handgranaten frei.

Noch ehe eine der Überraschten etwas sagen konnte, hatte Alma bereits die erste Handgranate scharf gemacht.

„Granaten mit Zeitzünder, übrigens“, meinte Alma beiläufig.


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Solid Green, Teil 1: Henriette

April 22, 2015 - Lesezeit: 2 Minuten

Henriette ist verschwunden.

Ich versuchte zuerst, sie zuhause anzurufen. Sie ging stundenlang nicht ans Telefon.

Also fuhr ich mit dem Bus zu ihr und klopfte an ihre Tür. Es stellte sich heraus, dass ihre Schwestern in Sorge auf sie warteten und bereits bei Freunden und Bekannten angerufen hatten, um sie ausfindig zu machen.

Die Polizei würde als nächstes informiert werden, informierte mich Henriettes kleine Schwester Fine. Wobei „kleine Schwester“ etwas irreführend ist. Mit 22 Jahren ist sie weder klein noch ausgesprochen jung.

Jedenfalls habe ich mich immer gut mit ihr verstanden. Deshalb betrübte es mich, sie ausgesprochen traurig zu sehen.

Sie ließ mich schließlich herein und brachte uns etwas Tee und Gebäck. Dabei versuchte sie, ihre Fassung wiederzufinden. Einfach entspannt Tee trinken und ein bisschen reden.

Ihre Hände zitterten beim Einfüllen der Zuckerwürfel. Ärger zeichnete sich auf ihrer gerunzelten Stirn ab. schließlich war der Zucker verteilt und sie reichte mir meinen Tee, nur um ihn im letzten Moment zu verschütten.

Erschrocken starrte sie auf mein Kleid, auf dem sich ein Wasserfleck auszubreiten begann.

„Hast du mal was zum Aufsaugen?“, fragte ich sie. Augenblicklich sprang sie auf und rannte in die Küche, um ein Tuch zu holen.

Nach wenigen Sekunden kam sie mit gesenktem Blick zurück. Ich versuchte, sie anzulächeln, doch sie schaute weg. Ich konnte erahnen, dass ihr Tränen das Gesicht herunterliefen.

„Weißt du“, begann sie, nachdem ich mich halbwegs getrocknet hatte, „Man hört so Dinge von Solid Green.“

Ich schaute sie verständnislos an.

„Solid Green ist die Firma, bei der Henriette am Montag angefangen hat“, erklärte Fine. Sie reichte mir eine Visitenkarte:

Arbeit zum Wohlfühlen. Mit unserem Programm kommen wir einer Welt ohne Schmerz und Sorgen einen Schritt näher.

Umweltschutz, Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit. Solid Green.

„Man hört immer wieder davon, dass Menschen nicht mehr wiederkommen, wenn sie über einen Recruiter angeworben wurden. Der Kontakt bricht völlig ab, die Firma leugnet in der Regel, tatsächlich einen Arbeitsvertrag mit der vermissten Person zu haben.“

Fine schaute abwesend auf ihren Tee, den sie währenddessen langsam mit einem kleinen Löffel durchrührte.

Wir tranken in Stille den Tee bis Fine aufsprang und etwas von einem Termin sagte, auf den sie sich ganz dringend vorbereiten müsse. Ich ging.


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Die Waterboarders

Januar 2, 2015 - Lesezeit: 6 Minuten

Die Waterboarders stürmten die Bank und schrien unverständliche Dinge in den Raum. Die Angestellten schauten verängstigt zuckend zueinander und fragten sich, was die Eindringlinge wollten. Als hätten sie nicht genug Angst, wurde der Ton der Waterboarders schärfer und die Angestellten fürchteten zunehmend um ihr Leben als einer der Drohenden begann, seine Waffe wild hin- und her zu schwenken.

Ein blonder Mann in Anzug reagierte als Erster, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, ging in die Knie und legte sich schließlich bäuchlings auf den kalten Boden.

Die Kollegen wirkten weiterhin verunsichert, doch sie folgten seinem Beispiel, weil der Waffenschwenkende Schreihals zeitweise etwas ruhiger wurde. Sicherlich spielte sich in den Köpfen der Versammelten eine Szene aus einem Actionfilm ab, in dem Maskierte eine Bank überfallen, laut herumschreien und die Anwesenden auffordern, sich auf den Boden zu legen. Blieb nur noch die Frage, ob sich jemand als Held der Runde enttarnen würde; einer der Gäste, der sich den Terror nicht bieten lässt und darauf besteht, die Metalldurchlässigkeit seines Körpers eingehend prüfen zu lassen.

Tatsächlich meldete sich ein Kunde mit Schnäuzer zu Wort. Die Pistolenträger schenkten ihm einen Moment ihrer kostbaren Zeit. In den folgenden Sekunden betonte der Kunde deutlich und verständlich, dass er „nichts mit der Sache zu tun habe“, dass er nur zufällig gerade in der Bank gewesen sei und er jetzt gerne gehen würde. Zuletzt spielte er sich unverkennbar in die Herzen der Anwesenden, indem er deutlich machte, dass er nichts dagegen habe, dass alle anderen praktisch als Pfand für ihn in der Bank bleiben würden.

Eine Frau, die ihn möglicherweise besser kannte als ihr momentan lieb war, rollte auffällig mit den Augen. Sie schien Übung darin zu haben, denn in liegender Position und auf den Bauch gedreht ist das sichtbare Augenrollen keine einfache Aufgabe.

Der Waffenträger erkannte auf einen Blick die Zusammenhänge und verließ sich anstatt einer Bestrafung darauf, dass ein tödlicher Blick unter Eheleuten ausreichend Scham über den Antihelden des Tages bringen würde.

Nun …

… begann ein Unmaskierter Mann, „es wird Zeit, dass wir zur Sache kommen. Das Leben ist kurz, die Gelegenheit ist günstig …“

Kurz hielt er inne, ließ den Blick über die verängstigten Menschen schweifen und genoss den Moment vollendeter Aufmerksamkeit, die ihm gerade zuteil wurde. Wenn die Angestellten nicht einige Meter von ihm weg stehen würden, so würde er sie – da war er sich sicher – mit Schnappatmung hecheln hören.

„Wir sind die Waterboarders„, sagte er, „Der Name ist selbstverständlich Programm. Bevor Sie jedoch in Panik verfallen: Dieses Los ist nur für wenige bestimmt“

Wieder schaute er in die Runde. Trotz seiner defensiven Ankündigung wurden Augen verdreht und einige Personen schienen der Ohnmacht durch Angst oder Schwitzen nahe zu sein. So fühlte er sich genötigt, etwas präziser zu werden.

„Der Grund für unseren Besuch ist einfach. Wir haben vor Jahren in ein System investiert haben, das sich Riesterrente nennt“

Die anderen Waterboarders schauten herüber und nickten zustimmend.

„Aufgrund der allgemeinen Unzufriedenheit, die sich daraus ergeben hat, möchten wir etwas von der ‚Freude‘, die uns dieses großartige Finanzinstrument gebracht hat, zurückgeben. In diesem Sinne bitte ich nun alle anwesenden Berater, die in den letzten Jahren Riesterrenten beworben haben, aufzustehen“

Die Unruhe unter den Bankangestellten nahm schlagartig zu. Einige Männer in Hemd schwitzten bereits so stark, dass sich Rinnen von den Achseln in Richtung Hüften bildeten. Scheinbar war jedoch niemand bereit, sich zu stellen. Der Unmaskierte räusperte sich nach einigen Sekunden.

„Natürlich haben wir damit gerechnet, dass sich niemand freiwillig stellt. Deswegen haben wir uns jemanden ausgesucht, der offenbar einen besonders guten Ruf in Sachen Riestervermittlung aufweist. Herr Fliege, bitte treten Sie vor!“

Herr Fliege zuckte bei der Nennung seines Namens sichtlich zusammen und schaute irritiert zu seinen Kollegen. Nachdem sich alle Blicke auf ihn gerichtet hatten, ließen seine nervösen Zuckungen nach. Er fiel in sich zusammen, ließ die Schultern hängen und blickte zu Boden.

Einige Sekunden verstrichen bis er sich zusammenraffte, aufstand und einige Schritte nach vorn trat. Sofort wurde er von einem Maskierten gepackt und zu einer Besucherbank gebracht. Dort wurde er festgeschnallt, geknebelt und sein Mund mit einem Tuch bedeckt, dass an den Seiten mit Klebeband am Gesicht fixiert wurde. Er atmete nun sehr schwer und wand sich, doch er blieb bewegungsunfähig.

Ablösung

Einer der Maskierten kam gerade mit einem Eimer Wasser von der Toilette zurück als die Wache von der Tür kam und Alarm schlug.

„Polizisten! Es kommen gleich Polizisten. Die warten draußen nur darauf, die Bude zu stürmen!“

Der Unmaskierte sah einige Momente lang nachdenklich aus einem Fenster, dann gab er Anweisungen.

„Also gut. Alle ziehen ihre Masken aus. Die Kameras laufen sowieso nicht mehr. Die Leute sollen wieder aufstehen. Fliege muss losgemacht werden“

Der eben noch verängstigte Fliege gewann durch die schlagartige Veränderung der Ereignisse ein ganz neues Selbstbewusstsein und grinste vorsichtig in Richtung Ausgang. Der Anführer schaute missmutig in die gleiche Richtung und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Sekunden später stürmte das SEK die Bank. Der Sturmführer forderte die Anwesenden auf, sich keinen Meter ohne entsprechende Anweisung zu bewegen.

Die Waterboarders tauschten besorgte Blicke aus, doch erstmal geschah nichts. Sekunden vergingen, in denen nichts zu hören war. Niemand traute sich in Anwesenheit der schwer bewaffneten Männer, auch nur auf der Stelle zu treten, geschweige denn, zu husten oder zu niesen.

Endlich kam der Einsatzleiter dazu und schaute sich genau um. Als er Herrn Fliege sah, hellte sich sein Gesicht auf.

„Den da brauchen wir!“, rief er seinen Leuten zu, die sich sofort daran machten, dem Genannten Handschellen anzulegen.

Der Einsatzleiter schaute sich kurz um, dann ging er wieder und nahm sowohl seine Leute als auch Herrn Fliege mit. Die Waterboarders sahen ihnen entgeistert hinterher.