Gelesen 03/2021

März 9, 2021 - Lesezeit: 2 Minuten

Gerade zuende gelesen: Kirschblüten und rote Bohnen von Durian Sukegawa. Der selbsternannte Loser/Außenseiter Sentaro, der in einem Imbiss für eine Süßspeise festhängt, wird durch eine Expertin in dem Bereich zu Höhenflügen angetrieben. Nebenher erfährt man etwas darüber, wie man früher mit in Japan mit Leprakranken umging. Dieser Aspekt ist etwas moralingetränkt, aber insgesamt liest sich das Buch trotzdem recht angenehm. Ein zurückhaltendes Schulmädchen wird aus Gründen der Vollständigkeit (? → 3 Hauptcharaktere, 3 Generationen) ebenfalls durch die Handlung geschleift, bleibt dabei jedoch ziemlich blass.

Etwas besser hat mir Für eine schlechte Überraschung gut von Arto Paasilinna gefallen. Zwei Soldaten, die während des 2. Weltkrieges in Finnland notlanden, schlagen sich durch die verschneite Landschaft und erleben dabei einige Abenteuer. Moral ist in dem Buch auf befremdliche Weise eher weniger ein Thema (Stichwort "gute Gewalt"). Davon abgesehen wird man vom Autor gut unterhalten und kann sich in eine so ganz andere Zeit versetzen lassen.

Peter Frankopans langgezogener Aufsatz Die Neuen Seidenstraßen liegt mittlerweile auch schon eine Weile gelesen herum und hat schlussendlich nicht viel mehr zu sagen als dass der Westen sich warm anziehen kann, weil die Länder der Seidenstraße auf der Überholspur unterwegs sind. Dass dafür immer noch nur eine Erde verfügbar ist, scheint nicht eingeplant zu sein und so hinterlässt diese lineare Sichtweise bei mir Zweifel.


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Christopher Isherwood: Leb wohl, Berlin

Juli 5, 2020 - Lesezeit: 2 Minuten

In kleinen Episoden erzählt Isherwood aus seiner Zeit im Berlin Ende der 1920er bis Anfang der 1930er. Wieviel davon konkret autobiographisch ist und wieviel fiktional ist schwer zu deuten. Das Ganze hat Tagebuchcharakter.

Der Einstieg fiel mir etwas schwer und wurde erst erleichtert, als Sally Bowles auftritt. Die junge Kabarett-Künsterlin sucht nach einer Filmrolle, der sie scheinbar auf keinem Weg näher kommt. Sie bringt allerdings etwas Leben in die Welt des Hauptcharakters und die Dialoge sind unterhaltsam (die späteren Unterhaltungen mit Natalia Landauer können da nicht mithalten). Es ist nicht verwunderlich, dass die Abenteuer mit Sally als Vorlage für das Musical Cabaret und den späteren Film genutzt wurden.

Die Sally-Adventures machen aber nur einen Teil des Buchs aus. Man lernt außerdem die bitterarmen Nowaks kennen, dort insbesondere den charismatischen Herumtreiber Otto. Und man lernt außerdem die vermögenden Landauers kennen. Der Hauptcharakter gibt Englischunterricht für die leicht realitätsferne Tochter Natalia und trifft später öfters auf deren seltsamen Cousin Bernhard. Das Leben der Landauers unterscheidet sich deutlich von dem der anderen Charaktere des Buchs, auch wenn das Schicksal es mit ihnen ebenso wenig gut meint wie mit den meisten anderen.

Insgesamt wirkt das Buch bedrückend. Besonders die Lebensumstände der Nowaks erscheinen aus heutiger Sicht grausam. Das Schicksal der Landauers ist ebenso unerfreulich. Und auch Sally macht letztlich nicht den Eindruck, ihr Leben würde in die richtige Richtung laufen. Dennoch vermittelt das Buch einen großartigen Eindruck vom Berlin vor der Machtergreifung. Man kann nur erahnen, wie intensiv diese Zeit in der Berliner Szene gewesen sein muss.

Die Edition der Büchergilde ist insgesamt empfehlenswert, da sie einige anschauliche Illustrationen von Christine Nippoldt enthält. Während des Lesens hatte ich zeitweise das Gefühl, sprachlich mit der Originalversion besser bedient gewesen zu sein (Goodbye to Berlin). Mir war manchmal nicht klar, welche Sprache an welcher Stelle wie vorgesehen war.


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Berit Glanz: Pixeltänzer

Juli 5, 2020 - Lesezeit: 2 Minuten

Elisabeth ("Beta") ist Software-Testerin in einer hippen Firma, in der die Kollegen gleichzeitig beste Freunde sind. Es wird viel und lang gearbeitet, man arbeitet nach dem SCRUM-Schema und ist bestrebt, sich immer weiter zu entwickeln.

In diesen Selbstoptimierungsumgebung platzt ein Unbekannter hinein, der Beta auf eine unbekannte Fährte führt. Lavinia Schulz, Walter Holdt und Hans Heinz Stuckenschmidt spielen dabei eine Rolle. Lavinia und Walter führten in den 1920ern Tänze in abenteuerlichen Masken auf, zum Teil auch zu neuer Musik wie sie Hans Heinz zum besten gibt. Das Ganze war nicht besonders hilfreich in Bezug auf Gelderwerb und führte (zumindest liegt das nahe) zu einem persönlichen Drama.

Im Buch wird eine vergleichsweise kleine Zerreissprobe in Betas Leben (App-Entwicklung in Bussen und Hotels) zur Parallele, die anhand von Nachrichten des Fremden aufrecht erhalten wird. Dieser schickt plausible, aber wohl erdachte Texte aus dem Leben der Tänzer und versteckt diese hinter kleinen Rätseln.

Auffällig gut ist die Konzeption und der Gesamtbogen des Buchs. Trotz der sehr widersätzlich erscheinenden Themen ist mir kein befremdliches Gefühl entstanden. Das Finale erscheint als Höhepunkt des Texts.

Die Stränge selbst sind unterschiedlich stark. Der moderne Strang wirkt etwas leblos und kühl. Die Einführungstexte mit Erklärungen zu SCRUM und agilen Methoden wirken manchmal deplatziert. Elisabeths Erlebnisse erscheinen plausibel, aber auch etwas distanziert. Mir ist nicht ganz klar, ob das absichtlich so kostruiert ist. Manchmal habe ich mich an bleeptrack erinnert gefühlt, besonders bei der Umsetzung des absichtsbefreiten Space-Invader-Klons mit Fliegen.

Im Gegensatz dazu ist das Leben der Tänzer direkt von Emotionen und Verschmelzung geprägt. Beim Tanz wird alles eins, auch wenn das restliche Leben ein Albtraum ist.

Auf der einen Seite die Testerin mit mäßig erfüllendem Job und Bullshit-Aufgaben, die aber monetär durchaus etwas bringen, während Lavinia und Co ihrer Leidenschaft nachgehen, damit aber völlig erfolglos bleiben. Wer hätte nun eher Erfolg verdient?


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Wells: The Island of Dr Moreau

Dezember 11, 2019 - Lesezeit: 2 Minuten

What can you expect from science fiction book from 1896? I thought when I picked this book up in a Thalia store in Hamburg. When you think of sci-fi nowadays you often associate artificial intelligence, robots and distopian futures. But you can have it with just the right bit of blasphemy and animal cruelty as well.

Enter Prendick, a shipwrecked man, who gets rescued by strange men on a strange island. Doctor Moreau is "king" of the island and its inhabitants, supported by a loyal fellow named Montgomery. Moreau is very keen on "humanizing" various animals through vivisection, which cannot be hidden easily. The screaming animals leave no doubt about what they think of the torture they must endure.

Prendick is not amused either and a more than once either tries to escape or walk into the sea to end his misery. During his escape he encounters various "monsters", which are somewhat self-organized and follow a certain basic conduct that was given to them by Moreau. Unfortunately the human factor wears off after a while and tragedy overwhelms everything and everyone.

I had difficulties reading this book. At a time where people are at least somewhat aware of animal psychology and rights the suffering of the animals in this book is hard to tolerate. Also the language is difficult for non-native speakers and contains some old-and-forgotten vocabulary. Nonetheless I find this book is worth the trouble. The author is straight-forward and mostly neutral, which seems hard to maintain given the subjects of the book.

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In case you consider reading the book: It makes sense to get a version with explanations of the old vocab and some background information on Wells and the time the book was written at.


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Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

November 16, 2019 - Lesezeit: 4 Minuten

Vor ein paar Wochen fand ich eine unauffällige Mail in meinem Postfach. Die Buchhandlung Geist in Bremen veranstaltet eine Lesung des Buchs Der Krieg mit den Molchen.

"Das ist doch dieses Buch, das ich längst gelesen habe und wofür ich eigentlich einen Text auf der Homepage veröffentlicht haben wollte!", kam mir sofort in den Sinn. Nun denn, die Vorlesung war gestern und es wird nun wirklich Zeit, ein paar Worte zu verlieren.

Kapitän Van Toch, erfahrener Seemann, findet auf der Suche nach neuen Quellen wertvoller Perlen eine Bucht mit außergewöhnlich begabten Molchen. Sie lernen einfrig und wären vielleicht schon längst deutlich bekannter. Die Population wurde durch Haie in der Gegend allerdings begrenzt. Der Kapitän kann über eine Jugendbekanntschaft (Herr Bondy) erreichen, dass die Perlenfischerei mit Molchen kräftig durchstartet und schon bald sind Perlen nicht mehr viel Wert. Man beginnt, Molche für alle möglichen niederen Arbeiten einzusetzen. Gerade Dinge im und unter Wasser bieten sich an.

Nebenher wird klar, dass die Molche nicht nur in der Lage sind, sich ihre Feinde vom Hals zu halten, sondern auch Lesen, Schreiben und Sprechen lernen können. Ein Molch wird zur Attraktion im Londoner Zoo, andere werden für Experimente genutzt. Die Molchisierung der Gesellschaft schreitet voran. Es werden Stimmen laut, die Rechte für Molche einfordern: Sie mögen ein Anrecht auf Kleidung haben, sich dieser oder jener Bewegung anschließen, sich von der Sklaverei befreien, etc. Die Molche selbst haben zu diesen Vereinnamungsversuchen keine Meinung. Sie haben weder Gefühle noch politische Ansichten, sie benötigen keinen Luxus. Letztlich sind es "nur" Molche, wenn auch intelligente.

Wie der Titel des Buchs nahelegt, kann das kein gutes Ende nehmen. Wie es sich damit genau verhält, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, sondern anregen, dieses Buch einmal selbst in den Händen zu halten und die ungewöhnliche Kombination aus Text und Illustration von Hans Ticha mit eigenen Augen zu sehen. Ich kenne nur die Büchergilde-Edition, kann daher nicht beurteilen, ob Versionen bei z.B. amazon ebenfalls etwas taugen. Buchhandlungen, die mit der Büchergilde zusammenarbeiten, haben dieses Buch möglicherweise auch vorrätig oder können es bestellen.

Neben beißender Satire sind einige Stellen enthalten, die ein mulmiges Gefühl aufkommen lassen. Dieses Buch wurde vor dem zweiten Weltkrieg geschrieben und polemisiert nicht nur Dinge, die sich bald darauf als nur zu wahr herausstellen sollten, sondern ist im Grunde weiterhin aktuell. Kein Wunder also, dass es wegen Verunglimpfung der nordischen Rasse 1940 auf die Jahresliste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums geschafft hat.

Die Passage, die dazu geführt haben dürfte, war auch ein Highlight der Lesung in der Buchhandlung, zu der ich Anne mitnahm. Der Raum war mäßig gefüllt. Christoph Wehr von drama-TISCH führte uns stehend(!), gestikulierend und mit bildreicher Unterstützung durch 90 Minuten zu Leben gewordener Literatur. Besonders der Kapitän hinterließ (mitsamt holländischem Akzent) einen bleibenden Eindruck. Wie Wehr es schaffte, sich so selten im Text zu vertun, ist mir völlig unklar. Das muss wohl jahrelange Erfahrung sein.

Das Publikum hätte sich etwas mehr einbringen können. Ich bekenne mich auch schuldig, nicht verstanden zu haben, dass man an einigen Stellen hätte mitmachen können/sollen (vielleicht ein Tribut an den fortgeschrittenen Freitag). Zumindest an einer Stelle war das Publikum jedoch genötigt, etwas zu tun: Ein kleiner Schnipsel unverständlicher Schrift durfte zum besten gegeben werden. Anne durfte sich auch versuchen. Es wurde viel gelacht. Aus mir unbekannten Gründen verließen wir fast fluchtartig die Veranstaltung, dabei hätte man sich noch eine Weile austauschen können. Seltsam. Aber trotzdem ein gelungener Abend.


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Matthew Walker: Why We Sleep

September 27, 2019 - Lesezeit: ~1 Minute

Ich habe jahrelang auf ausreichenden Schlaf verzichtet und angenommen, dass das ein vertretbares Eingeständnis an die Anforderungen ist, die ich an mich selbst stelle. Im Nachhinein erscheint mir das idiotisch, aber es musste erst ein Buch wie Why We Sleep erscheinen, um mich von meinem unglückseligen Pfad abzubringen.

Schlaf ist weder nutzlos noch verkürzbar. Praktisch jeder braucht die Nacht, um das Erlebte zu verarbeiten. Es ist nichts heroischen an einer 4- oder 5-Stunden-Nacht. Keine (nicht-zeitkritische) Arbeit wird schneller oder besser erledigt, wenn man wenig schläft.

Dementsprechend kann ich dieses Buch allen empfehlen, die Schlafen für optional halten (der Spruch "You can sleep when you're dead" erfüllt sich schneller als man denkt). Für Leute, die hingegen viel Wert auf Schlafhygiene legen, ist das Buch höchstens informativ in Bezug auf die konkreten Vorgänge, die im Gehirn stattfinden, wenn man schläft. Interessant ist es so oder so allemal.