Gefangen

Januar 23, 2010 - Lesezeit: 2 Minuten

Herr Müller, 54, verheiratet, zwei Kinder, steht montags bis freitags um 5.30 Uhr auf. Gewaschen und geputzt verlässt er sein bald abbezahltes Eigenheim um 6.15 Uhr. Arbeitsbeginn 7.00 Uhr.Mittagspause 12.30 Uhr, Schluss 16.30 Uhr.

Nach einem Tag ohne nennenswerte Vorkommnisse kommt er um 17.00 nach Hause. Durch die Arbeit erschöpft lässt er RTL, ein paar Bier und das Gerede seier Frau über sich ergehen. Manchmal streut er konfus Erlebnisse aus seinem Alltag ein. Zu seinem Glück hört sie ihm genauso wenig zu wie anders herum.

Rechtzeitig, gegen 21.30 Uhr, begibt er sich leicht betrunken ins Bett, um den beschriebenen Ablauf am nächsten Tag wieder aufleben zu lassen. Oft überkommt ihn vor dem Schlafen unwillkürlich ein Schauer bei dem Gedanken an die kommenden Tage, doch sein wohliges Bett lässt ihn schließlich vergessen.

Wochenends schaltet er auf Entspannung um. Er geht seinem einzigem Hobby, dem Sammeln seltener Regenwurmarten nach (2004, als der Regenwurm zum “wirbellosen Tier des Jahres” ernannt wurde, war er besonders aktiv). In Fachkreisen genießt er einige Anerkennung. Samstags darf etwas mehr getrunken werden und der wöchentliche rituelle, wenn auch größtenteils lustbefreite, Beischlaf nicht fehlen.

Manchmal, während kurzer Momente am Wochenende, wenn der Alltag für Sekunden seine Wirkung verliert, überkommt ihn eine tiefe Leere und Traurigkeit. Er hält inne bei dem, was er gerade macht und starrt betreten vor sich hin. Erinnerungsfetzen kehren wieder, Episoden aus seinem Leben finden bruchstückhaft Zugang zur Gegenwart.

In Chronologischer Reihenfolge zusammengefasst:

  • Unaufgeregte Kindheit, mittelmäßig viele mittelmäßige Freunde
  • Treffen seiner Zukünftigen während seiner wilden Zeit auf Malle.
  • Miteinander gehen, bis es langweilig wird
  • Verloben, bis es eintönig wird
  • Heiraten, bis es anstrengend wird
  • Kinder bekommen und großziehen, bis die Kinder wegziehen
  • Midlife-Crisis bekommen und abgedrehte Ideen umsetzen, bis sich herausstellt, dass es keinen Unterschied macht
  • Sich auf Langeweile einstellen, weil nichts mehr bleibt

Lange währt die Ohnmacht nicht. Schnell schüttelt er das Ungewohnte ab, stellt den Status Quo wieder her.

Wenn er allzu unruhig wird, ruft er sich stets innerlich zu: “Mir geht’s gut! Mir geht’s prächtig!”


Norman: The Design of Everyday Things

Mai 5, 2009 - Lesezeit: 4 Minuten

Schon 1988 schrieb Donald A. Norman ein Buch über gutes und schlechtes Design: “The Design of everyday things“. Schon bei den einfachsten Dingen kann man ganz grundsätzliche Fehler machen. Das geht von Türen, die einem nicht verraten, ob man sie drücken oder ziehen muss hin zu Computern. Das Buch erreichte mit der Zeit Kultstatus und ist in vieler Hinsicht noch immer aktuell, auch wenn einige Beispiele heutzutage keinen Sinn mehr ergeben. Immer noch gibt es verwirrende Schalter, Türen, Waschbecken etc.

Auch zum Thema Computer hat Norman ein paar Punkte anbringen können. Damals waren schwarze Bildschirme noch die Regel und Textverarbeitungsprogramme gerade erst auf dem Vormarsch (dazu sehr empfehlenswert: Almost Perfect von W. E. Peterson zum Aufstieg und Fall des Textverarbeitungsprogramms WordPerfect). In einer Auflistung schrieb Norman, wie man ein Programm falsch umsetzt (Hervorhebungen von mir). Der Verdacht liegt nahe, dass Norman sich vor allem über Programme wie emacs und vim aufregt:

  • Make things invisible. Widen the Gulf of Execution: Give no hints to the operation expected. Establish a Gulf of Evaluation: give no feedback, no visible results of the action just taken. Exploit the tyranny of the blank screen.
  • Be arbitrary. Computers make this easy. Use nonobvious command names or actions. Use arbitrary mappings between the intended actions and and what must actually done.
  • Be inconsistent: change the rules. Let something be done one way in one mode and another way in another mode. This is especially effective where it is necessary to go back and forth between the two modes.
  • Make operations unintelligible. Use idiosyncratic language or abbreviations. Use uninformative error messages.
  • Be impolite. Treat erroneous actions by the user as breaches of contract. Snarl. Insult. Mumble unintelligible verbiage.
  • Make operations dangerous. Allow a single erroneous action to destroy invaluable work. Make it easy to do disastrous things. But put warnings in the manual; then, when people complain, you can ask: “But didn’t you read the manual?”

Obwohl man vermuten würde, dass Leute aus ihren Fehlern lernen, ist es auch heute noch so, dass gerade neue Dinge nicht unbedingt gleich gut und nutzerfreundlich umgesetzt werden. Aber zumindest in kritischen Bereichen (z.B. Raumfahrt- und Luftfahrt) hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Allgemein meint Norman außerdem, man könne nach sieben Prinzipien vorgehen, wenn man etwas entwirft (unabhängig davon, worum es sich handelt):

  • Use both knowledge in the world and in the head.
  • Simplify the structure of tasks.
  • Make things visible: bridge the gulfs of Execution and Evaluation.
  • Get the mappings right.
  • Exploit the power of constraints, both natural and artificial.
  • Design for error.
  • When all else fails, standardize.

Einige der Punkte sind nur schwer zu verstehen, wenn man nichts von Norman gelesen hat. Dennoch sind auch so bereits einige allgemeine Grundprinzipien dabei, die man anwenden kann. So mancher Ingenieur oder Entwickler (mehr) sollte sich ein Buch wie das von Norman durchlesen.