Cover Image

Dieters Trauma

November 9, 2014 - Lesezeit: 2 Minuten

Das Trauma überfiel ihn an einem Freitag während der Urlaubssaison. Zum Mittag gab es Currywurst mit Pommes (Nachschlag!), Salat, Grieß mit Kirschen und Sahne, Cola, einen Verdauungsriegel Snickers und Kaffee.

Mit pochendem Herzen wankte Dieter aus der Kantine zum Treppenhaus und öffnete mit letzter Kraft die Tür. Seine Kollegen hatten ihn längst abgehängt und schienen ihn noch nicht zu vermissen. Schwitzend drückte er sich gegen die Tür und stolperte in den Treppenflur. Der Hall der ins Schloss fallenden Tür war bald verklungen und machte unangenehmer Stille platz.

Dieter wollte weitergehen, die Stufen in Angriff nehmen, doch stattdessen wurde ihm schwindlig und weiße Felder erschienen ihm vor den Augen. Einerseits pochte sein Herz wegen des vielen Zuckers und dem Koffein, andererseits fühlte er eine akute Schwäche, die ihn fast dazu nötigte, sich hinzusetzen. Sein Stolz hielt ihn davon ab, sich der einfachsten Möglichkeit hinzugeben. Kompromissweise lehnte er sich gegen die nackte, ehemals weiß gestrichene Wand und atmete tief durch.

Für einen Moment wichen die Erscheinungen vor seinen Augen. Allerdings wurde es nur noch schlimmer. Die Welt wurde halbdunkel und ein befremdliches Wärmegefühl schoss ihm durch den Hals in den Kopf. Wenige Sekunden später wurde alles wieder halbwegs normal. Nur der Schweiß, der sich scheinbar überall gebildet hatte, blieb, und begann zu trocknen.

Für einige Sekunden kamen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten hoch, in denen er nur die Hälfte wog und als einer der sportlichsten Azubis galt. Jahrzehnte war das her. Langsam löste er sich von den Gedanken und richtete sich auf. In jedem Fall brauchte er jetzt erstmal eine Zigarette.


Tristans Tristesse: Bahnfahrt II

Juni 14, 2014 - Lesezeit: 2 Minuten

Anna setzte sich wortlos neben Tristan und faltete etwas verkrampft die Hände.

Normalerweise hätte sie nun zum Taschentuch gegriffen und Tristans Nasenbluten gestillt, aber diesmal sie saß nur da und regte sich nicht. Sie kniff von Zeit zu Zeit ihre Lippen zusammen und entspannte sie kurz darauf wieder.

Ein älterer Herr schaute verstohlen herüber. Er fuhr allein und besetzte mit seinen Koffern einen Vierersitz. Seine grauen Locken wirkten ungewöhnlich und erinnerten an den einen oder anderen bekannten Künstler oder Komponisten.

Seine Absichten waren nicht schwer zu erraten, denn sein Blick fiel immer wieder auf Annas Beine, die unter ihrem mittellangen Rock hervorschauten.

Anna bemerkte nach einer Weile die drängenden Blicke des Mannes und blickte ihn finster an. Dieser zuckte kurz und bemühte sich, seinen Blick aus dem Fenster zu zwingen.

Als Anna und Tristan ihre Station erreichten, standen sie auf machten sich auf den Weg zu einer der Türen. Tristan trottete hinter Anna hinterher. Das verschmierte Blut von vorhin hatte er sich schließlich selbst aus dem Gesicht gewischt.

Der grauhaarige Mann wollte ebenfalls aussteigen und ließ es sich nicht nehmen, direkt neben Anna zu gehen. Wie zufällig streifte er dabei mehrfach ihren Körper. Anna antwortete erneut mit giftigen Blitzen, doch der Mann grinste nur und zuckte scheinbar entschuldigend mit den Schultern.

Anna war kurz davor, ihre Beherrschung zu verlieren, als Tristan wie aus dem Nichts zwischen den beiden erschien. Ansatzlos stand er vor dem Gesicht des aufdringlichen Mannes und starrte ihn an. Obwohl weiterhin in der Hauptsache Ausdruckslosigkeit daraus abzulesen war, ließ sich noch etwas anderes darin finden. Ein paar Prozent des Blickes sprachen „Mach‘ das noch einmal, Freundchen, und du verlässt den Zug als erster. Und zwar durch’s Fenster!“

Der Angestarrte sank merklich in sich zusammen, drehte sich um und verhielt sich für die verbleibende Zeit wie ein normaler Zuggast. Als Anna den Zug verlassen hatte, atmete sie merklich durch. Sogar ein Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht. Das Wochenende konnte beginnen.


Tristans Tristesse: Unterwegs mit der Bahn

Mai 10, 2014 - Lesezeit: 2 Minuten

Anna tippte Tristan ungeduldig auf die Schulter. Der Schaffner stand neben ihnen und wollte die Tickets sehen.

„Tristan! Du hast die Tickets! Tristan, nun mach schon!“

Tristan schaute währenddessen wie gebannt aus dem Fenster. Die Szenerie, geprägt von grüner Weidelandschaft im Wechsel mit kleinen Wäldchen, nahm ihn komplett in Anspruch.

„Tristan! Jetzt konzentrier‘ dich mal!“, rief sie etwas zu laut. Einige Nachbarn begannen, sich nach dem Pärchen umzudrehen, das dort mit dem Schaffner Ärger hatte. Vereinzelt konnte man Satzfetzen hören, die etwas mit Schwarzfahrern zu tun hatten. Anna entging das nicht. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie ihren Mann, der immer noch teilnahmslos aus dem Fenster schaute.

Etwas ruckhaft schnellten ihre Hände zu Tristans Kopf und drehten diesen um 45 Grad vom Fenster weg. Die vorher weit aufgerissenen Augen wurden zu kleinen Schlitzen und das Kinn sank auf die Brust.

„Tristan! Jetzt rück‘ endlich die Tickets raus! Ich weiß gar nicht, warum ich sie dir überhaupt gegeben habe! Wie konnte ich so blöd sein zu glauben, dass du diese Kleinigkeit in den Griff kriegen würdest …“

Tristan rollte kaum merklich mit den Augen und nestelte ein wenig in seiner rechten Jackentasche. Schließlich fielen die Tickets heraus und zu Boden. Der Zufall ließ die Karten möglichst weit vom Ausgangspunkt landen. Eine Karte landete in Fußnähe der Nachbarn vor ihnen und die andere unter Tristans Sitz.

Anna seufzte, stand auf und lief auf den Gang, um die weiter entfernte Karte zu holen. Während sie entschuldigend lächelnd in die Knie ging, um die Karte aufzuheben, ging ein Ruck durch den Zug. Offenbar musste er notbremsen. Anna wurde durch die plötzliche Bewegung durch den Waggon geschleudert und überschlug sich einige Male bis sie endlich Halt fand und sich gegen den Bremsvorgang des Zuges aufrichtete.

Ihre schwarzen Haare waren durcheinander, ihre Bluse und der Rock waren an einigen Stellen mit Dreck beschmutzt. Ein Kaugummi klebte an ihrem rechten Blusenärmel.

Nachdem der Zug nicht mehr bremste, eilten zwei aufmerksame Mitreisende zu Anna und halfen ihr, sich wieder in Form zu bringen. Nach fünf Minuten waren die größten Auffälligkeiten beseitigt und Anna konnte wieder an ihren Platz gehen.

Tristan betrachtete wieder die vorbeiziehende Weidelandschaft im Wechsel mit kleinen Wäldchen. Ein kleines Rinnsal Blut lief ihm aus der Nase.


Tristans Tristesse: Der Strandausflug

Mai 7, 2014 - Lesezeit: 2 Minuten

Tristan lag in der Sonne und rührte sich nicht. Seine Hand lag auf der Stirn und spendete auch seinen Augen Schatten. Neben ihm lag seine Frau Anna und langweilte sich. Der Strand war ausnahmsweise nicht überfüllt.

„Willst du ein Eis?“, fragte Anna. Tristan antwortete nicht.

„Tristan?“, fragte sie erneut und wartete einige Sekunden. Schließlich wischte sie ihm die Hand aus dem Gesicht.

„Was denn?“

„Willst du ein Eis!“, rief sie scheinbar unnötig laut, sodass sich ein paar Nachbarn umdrehten und interessiert zuschauten.

„Nein … Nein, danke“

Anna stand auf und verspürte dabei den Drang, mit den Füßen etwas Sand Richtung Tristan zu treten. Stattdessen stand sie unentschlossen vor ihrem Mann und kaute auf ihrer Lippe herum, um schließlich wütend zum Eisstand zu gehen. Tristan legte seine Hand wieder auf die Stirn.

„So ein Stress“, murmelte er.

Einige Minuten später war Anna mit zwei Eis wieder zurück.

„Hier, deins!“, sagte Anna wenig freundlich und nötigte Tristan dazu, ein Eis in die Hand zu nehmen.

Tristan setzte sich auf und schaute sich etwa zwei Minuten sein Eis an, bevor er begann, die Rinnsale abzuschlürfen, die sich in der Zwischenzeit gebildet hatten. Etwas langsam bei der Sache dauerte es nicht lange, bis sich das Eis auf seiner Hand verteilte und auf sein Handtuch tropfte.

Anna schaute sich das Schauspiel mit rotem Kopf eine Weile an, dann schlug sie ihm das Eis aus der Hand. Tristan wollte sich nun langsam darauf einstellen, seine Hand näher auf Eisspuren zu untersuchen, doch Anna machte ihn unmissverständlich darauf aufmerksam, dass er das Wasser aufzusuchen habe.

Aus der dritten Reihe war ein Kichern zu vernehmen und Anna wurde bewusst, dass ihr die Situation entglitten war. Betreten schaute sie Tristan zu wie er ins Wasser schlich, ein paar Meter ging und sich dann im flachen Wasser in einer Art Kompromiss zwischen Strand und Wasser hinsetzte. Die spielenden Kinder um ihn herum nahm er billigend in Kauf.

Genervt und begleitet von den Blicken der Nachbarn ging sie zu Tristan und zerrte ihn an den Strand.

„Wir gehen!“