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Kain Anderers Ausweg, Teil 1

November 14, 2014 - Lesezeit: ~1 Minute

Kain schlich sich in der mondleeren Nacht aus dem Bett, in dem auch sein Bruder Ilias schlief. Unsicheren Schrittes stolperte er zur Tür und überprüfte die Alarmanlage.

In den letzten Wochen hatte er dreimal die Gelegenheit gehabt, die Innereien aus der Nähe zu betrachten. Einmal löste er sie aus, um zu sehen, ob seine Vermutungen in Bezug auf die Funktionsweise korrekt waren. Wie sich herausstellte, lag er halbegs richtig, ein Restrisiko blieb allerdings. Mit diesem Risiko konnte er problemlos leben, wenn er nur eine kleine Chance haben würde, der Anderer-Sekte zu entkommen.

Seine Bettdecke bot in seiner Abwesenheit ausreichend Wärme für eine Sammlung seiner besten Pullover und Jeans. Der Kopf aus einer Jeans, die mit einem Pacman-Pullover überzogen war, machte ihn besonders stolz.

Kain atmete einige Male tief durch und sammelte sich trotz des frühen Morgens. Seine Augen hatten sich ein wenig an das Dunkel gewöhnt und er konnte die Kabel und verborgenen Schalter erahnen. Er durchschnitt die notwendigen Kabel, öffnete die Tür und wartete darauf, dass die Alarmanlage losginge. Nichts geschah.


Die Wahrheit über Fischstäbchen

Januar 23, 2010 - Lesezeit: 4 Minuten

Da braten sie, die Fischstäbchen. Nur vier Minuten sollen sie auf jeder Seite liegen und schon sind sie gar. Zumindest steht das auf der Verpackung.

Aber die Wirklichkeit ist weit entfernt von dem, was uns weis gemacht wird. Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass es mit dieser Aussage nicht weit her ist. Dazu Professor Zweifarb:

“Wir ähem… haben in zahlreichen – ich möchte fast sagen vielen – Tests in der Praxis herausgefunden, dass der Zeitraum, den besagte Fischstäbchen brauchen, um gar zu werden, weitaus länger ist als bisher angenommen. Es stellen sich von Marke zu Marke sogar dramatische Unterschiede ein. Ganze Minuten verstreichen zusätzlich, bis das Produkt tatsächlich seinen erwünschten Zustand erreicht. Wir müssen die Bevölkerung auf diesen Missstand hinweisen und haben aus diesem Grund die Aktion “Aufklärung über die viel länger zu bratenden Fischstäbchen” in die Welt gerufen und hoffen, in den Aufklärungsreisen durch ganz Deutschland die Menschen auf die Risiken und Auswege aus dieser unannehmbaren Krise hinzuweisen. Gerade ich als Wissenschaftler fühle mich verantwortlich, die Menschheit, beginnend in meinem eigenen Land, zu heilen. Keine halbfertige Gräte soll es in den Hals eines armen kleinen Jungen schaffen, niemand soll sich über rohes Fischfleisch aufregen müssen. Wir haben so schon genug zu leiden. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Und ich fange an – mit der Aufklärung über zu kurze Fischstäbchenbratzeiten! Außerdem komme ich seit langem mal wieder aus diesem Labor heraus. Ich bin ja so einsam…“

Nach einer kurzen Pause fährt er fort:

”Außerdem können sie auf unserer Homepage, die gerade unten eingeblendet wird, einen Fragebogen ausfüllen, mit dessen Hilfe sie erkennen können, wie gefährdet sie sind, Opfer der zu kurz bratenden Fischstäbchen zu werden. Oder besuchen Sie unsere Selbsthilfegruppe, die bereits viele tausend Menschen in Anspruch nehmen”

Der Professor hält ein Blatt in die Luft. Auf ihm ist eine Adresse – vermutlich der Hauptsitz der Gruppe – und ein Plan vermerkt:

Hier finden Sie uns:

Iglostraße 34
1857298 Klein Unteroberbergdorfhausen

Die Themen der nächsten Woche:

  • Montag: Der Fischstab – ein seltenes Unterwassertier
  • Dienstag: Mein Leben – mein Fischstäbchen – eine Philosophie
  • Mittwoch: Kochkurs: die Kunst der Fischstäbchenbraterei
  • Donnerstag: Genialer Geschäftsmann oder Fischstäbchenquäler: Käpt’n Iglo
  • Freitag: Fischstäbchen und Kleidung = Fishbone?
  • Samstag: Fischstäbchenvielfalt in der Küche: püriert, geschlagen, gehackt, gekocht, gegrillt, fritiert, zerstampft und gegessen
  • Sonntag: 10.00 Uhr: Kirchengang in die Käpt’n Iglo Kirche; Pater Nordsee erzählt von der Zähmung des wilden Fischstäbchens an der australischen Küste vor zwanzig Jahren durch den ehrwürdigen Käpt’n.

Teilnahme an den Veranstaltungen ist natürlich kostenlos.

Es muss erst danach ein variabler Betrag gezahlt werden, der vor Ort durch den anwesenden Pater festgelegt und durch einen Anruf beim ehrwürdigen Käpt’n verifiziert wird. Jeder Teilnehmer, ausgenommen des Paters, darf freiwillig den genannten Preis bezahlen – und wenn er wünscht sogar mehr zahlen; jedoch nicht weniger. Besitzer der Iglo-Card bezahlen nur die Hälfte.

Der Professor nimmt das Blatt wieder herunter. Er schwitzt, holt ein Taschentuch hervor und versucht das Triefen zu unterbinden. Seine Augen strahlen Rastlosigkeit aus. Wahrscheinlich ist die Pistole in seinem Rücken daran schuld. Man hört Getuschel hinter dem Professor, der daraufhin erneut zu reden beginnt:

”Ähäm … Meine Damen und Herren! Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen einen … schönen Tag und hoffe, dass wir uns wiedersehen – auf meiner … wundervollen, … aufklärungsreichen … Tour. Bis dann”

Doch als der Professor seine Tour beginnen sollte, verschwand er mit einem Mal. Die Klatschpresse mutmaßte, dass er ein geheimes Unsichtbarkeitsserum gefunden habe, aber einige wussten genau, dass er der durchtriebenen Iglo-Organisation in die Hände gefallen und in Ungnade gefallen war. Was sie mit ihm gemacht haben ist nicht bekannt. Es wird jedoch gemunkelt, dass er dem Riesenfischstäbchen, das Käpt’n Iglo in seinem Privatpool hält, zum Fraß vorgeworfen wurde …


An den Suhrkamp

Januar 23, 2010 - Lesezeit: 10 Minuten

Hallo liebe Leute von dem Suhrkamp Verlag,

Mein Name ist Inge Rohmann. Ich bin 37 Jahre alt und heute schicke ich euch meinen neuesten Kurzroman schicken tun. Er handelt von etwas, worüber ich jetzt gerade noch nichts sagen kann, weil ja sonst die ganze Spannung weg ist.

Viel Spass beim Lesen!

Jan und Sibylle

Sibylle hat sich in meinen Sohn, den Jan, unsterblich verliebt. Und weil er sie auch so gern hat, hat er ihr einen Antrag gemacht.

Weil aber die Sibylle, genau wie mein Sohn, der Jan, noch nicht mal 18 sind, hat sie abgelehnt und gesagt: Sagt sie: “Jan!” Und dann sagt sie weiter: Sagt sie: “Wir sind ja noch nicht mal 18! Wie sollen wir denn da heiraten tun?”

Und da weiß der Jan, mein Sohn, auch keine Antwort drauf.

Also hat er mit der Sibylle ihrem Handy bei seinem Vater seinem besten Kumpel, dem Max, angerufen und den gefragt. Der lachte nur und sagte, dass er noch nie eine so dämliche Frage beantworten musste. Und dann hat er einfach aufgelegt, ohne zu erklären, was er meint.

Mein Sohn, der Jan, glaubte dann, er müsse den Max nochmal anrufen und genauer fragen. Er glaubte, Max hätte nur aus Versehen aufgelegt.

Doch der Max lachte beim zweiten Telefonat noch mehr und sagte schon gar nichts mehr, sonder lachte und lachte und lachte.

Da wurde es dem Jan, meinem Sohn, zu bunt und er schrie: “Max! Du bist böse!” Und dann legte er – zufrieden mit seiner schlagfertigen Antwort – auf. Als ihn Sibylle aber fragend anschaute, merkte er, dass etwas nicht stimmte.

Ach ja! Er war jetzt kein bisschen schlauer als vor dem Telefonat.

“Schwesterherz! Wir müssen uns etwas anderes überlegen. Keiner will uns helfen!”

Ähm, halt. Irgendwie läuft das aus dem Ruder, lieber Suhrkamp-Verlag. Ich versuch’s nochmal. So geht das ja nicht (kopfschüttel). Oder halt, besser. Ich versuch’s mit was ganz anderem. Die Leute stehen ja immer auf Krimis. Also will ich mal einen Krimi erzählen tun. Hoffentlich wird der spannend.

Ach übrigens: Wenn ich dann berühmt bin, dann will ich einen eigenen Preis haben. Allerdings nicht den Inge-Preis, das klingt nicht so gut. Extra für so einen Preis lege ich mir ein Pseudonym zu. Mein Pseudonym wird sein: Pseudo Num. Das ist furchtbar wortwitzig und trotzdem irgendwie originell!

Der Preis heißt dann entsprechend: “Pseudo-Num-Preis”!

Jetzt aber der Krimi.

Oh je, Josefine

Josefine saß auf dem Thomas seinen Kopf und weinte. Sie hatte ihrer Tochter ihren Peiniger fast umgebracht. Erst hatte sie ihm mit der Axt in den Rücken gehackt, dann war sie mit der Schere auf seinen Hals losgegangen. Als er dann immer noch nicht sterben wollte, hatte sie ein Kissen genommen, es über seinen Kopf gelegt und sich drauf gesetzt.

Seitdem saß sie also da und weinte vor sich hin.

Plötzlich kam Jessica, der Josefine ihre Tochter, herein. Aus ihrem Blickwinkel konnte sie nur sehen, dass ihre Mutter, die Josefine, auf einem Kissen saß. Der Thomas-Peiniger lag so komisch eingeklemmt zwischen einer Couch und einem Sessel.

Sagt sie: “Warum sitzt du denn nicht auf dem Sessel oder der Couch, sondern so eingequetscht dazwischen, Mutter?”

Und da sagt die Josefine: Sagt sie: “Na weil!”

Auf diese schlagfertige Antwort kann der Josefine ihre Tochter nichts mehr erwidern und gibt sich geschlagen. Also setzt sie sich auf die Couch und schließt erschöpft ihre Augen.

“Hast du den Thomas gesehen, den widerwärtigen Schläger-Thomas?”, fragt Jessica mit eher wenig Interesse.

“Mmglmbg … ghmlgrmbl …” kommt aus Richtung der Josefine.

“Sag mal, Mama, alles in Ordnung mit dir? Hast du deine Pillen für heute genommen?”

“Ja, doch, Kindchen”, sagt die Josefine, “Ich nehme immer meine Pillen” Dann fällt ihr aber auf, dass es schlauer wäre, das Gemurmel von der Jessica ihrem Peiniger zu erklären.

“Aber weißt du, mein Kind, manchmal helfen die Pillen nicht ganz. Dann kommt da halt immer noch was nach”

“Ach so”

Josefine laufen schon ein paar Schweißperlen über die Stirn, weil die Situation so anstrengend ist. Fieberhaft überlegt sie, wie sie aus der ganzen Sache heraus kommt. Sie weiß ja, dass sie ihrer Jessica nicht verraten darf, was passiert ist, weil sie den Peiniger-Thomas, auch wenn der total böse ist, trotzdem ganz viel lieb hat.

Gerade, als ihr fast eine Idee kommt, schaut der Herr Kommissar herein. Der sagt: Sagt er: “Ich stand gerade vor diesem Haus hier und dachte, ich komme einfach mal herein!”

“Das ist ja ein Zufall, Herr Kommissar, dass sie gerade vor unserem schönen Haus … und so”

“Soll ich wieder gehen? Ich mein, sie haben mich ja nicht gebeten, hier herein zu kommen. Ihre offene Tür ist nur so einladend”

“Ja, das kann ich verstehen”, erwidert Josefine mit bemühtem Lächeln.

“Ich hab gehört, Josefine, dass Sie eine großartige Kurzroman-Autorin sind?”

“Ja, das stimmt. Stand erst gestern in der Zeitung”

“Soso. Und haben Sie gerade was zu Lesen für mich da?”

“Äh, gerade ist schlecht. Ist alles vergeben, verborgt und so”

“Oh, das ist aber schade. Vielleicht ja ein anderes Mal”

“Sicher, … sicher. Wenn Sie dann aber vielleicht doch wieder gehen wollen? Ich würde gern etwas Zeit mit der Jessica, meiner Tochter verbringen. Wir sehen uns so selten”

Da hakt der Josefine ihre Tochter, die Jessica, ein: Sagt sie: “Das stimmt doch gar nicht! Ich bin fast jeden Tag hier!” Bei dieser Erwiderung zerfällt der Josefine ihr Grinsen. Der Kommissar wittert, dass etwas nicht stimmt.

“Sagen Sie, Josefine, warum sitzen sie eigentlich so ungemütlich zwischen Couch und Sessel? Da ist doch Platz genug!”

“Tja, Herr Kommissar. Das ist Yoga. Ich mache mich frei von den Annehmlichkeiten des Lebens und sitze hier auf meinem Kissen, bis mir der Hintern weh tut. Wenn ich dann wieder auf der Couch sitze, dann weiß ich den Luxus in meinem Leben besser zu schätzen”

Der Komissar wiegt den Kopf hin und her, aber irgendwie gefällt ihm diese seltsame Geschichte.

“Also gut, Josefine. Ich will dann mal”, sagt der und dreht sich zur Tür.

Leider ist ein bisschen Blut auf den Boden vor der Tür gespritzt, was bisher keiner mitbekommen hat, und der Kommissar rutscht unglücklich aus. Mit einem Schrei fällt er um und bricht sich an einem Hocker, der in der Nähe steht, das Genick, so wie Hilary Swank in dem großartigen Film Million Dollar Baby, diesem Film wie wo die eine Boxerin spielt. Jedenfalls sieht es so aus.

Total in Panik springt die Josefine auf und rennt zum Kommissar. Die Jessica bleibt auch nicht cool und öffnet wieder ihre Augen. Blöderweise sieht sie dabei sofort, worauf die Josefine die ganze Zeit gesessen hat und schreit und weint sofort los.

Irgendwie macht das die Josefine gerade total verrückt. Und weil sie die Pillen in Wirklichkeit seit einer Woche nicht mehr genommen hat, dreht sie frei und schlägt ihrer eigenen Tochter ins Gesicht, damit sie Ruhe gibt. Und tatsächlich fällt sie um und bleibt mir einer kleinen, aber immer größer werdenden Blutlache am Kopf liegen.

Der Jessica ihr Peiniger liegt immer noch unter dem Kissen und ist immer noch nicht tot. Also geht sie erstmal in ihr Schlafzimmer und legt sich ein paar Stunden aufs Ohr, damit sie wieder Kraft sammeln kann für das, was da noch kommen tun mag.

Nach vier Stunden wacht sie auf, weil ihr jemand am rechten Bein zieht. Da ist der Thomas-Peiniger. Der ist irgendwie ans Bett gekrochen und will irgendwas.

Aber weil es der Peiniger ist, kann Josefine ihm das nicht durchgehen lassen. Also zieht sie ihn zurück ins Wohnzimmer, wo er vorher lag. Viel wehren kann er sich dabei ja nicht, weil er eben fast tot ist.

Die Blutlache an der Jesscia ihrem Kopf ist leider viel größer geworden. Vielleicht stimmt da was nicht. Also geht die Josefine zur Jessica und tritt ihr gegen das Schienbein.

Da passiert nichts.

Noch einmal tritt sie ihr gegen das Schienbein, aber es tut sich immer noch nichts. Dann wird sie wohl tot sein, denkt sich die Josefine. Dann muss ich sie verschwinden lassen, denkt sie, und den Peiniger-Thomas und den Kommissar, damit niemand sauer wird.

Erst jetzt fällt ihr auf, dass der Kommissar fehlt. Wo ist der denn hin mit seinem gebrochenem Genick? Die Hilary Swank ist doch auch nicht einfach so wieder aufgestanden.

Zu viel mehr Nachdenken kommt sie aber nicht, denn da kommt der Kommissar schon mit Polizisten in den Raum, die nehmen ganz schnell die Josefine fest und schauen sich den Thomas-Peiniger und die Jesscia an.

“Josefine!”, ruft der Kommissar, “Du hast schon wieder deine Pillen nicht genommen, oder!”

“Ja, das muss ich leider zugeben, Herr Kommissar”, gibt die Josefine kleinlaut zu. Schon beim letzten Mal lief alles schief, als sie ihre Pillen nicht genommen hatte.

“Tschuldigung!”

“Das wird ein Nachspiel haben”, sagt der Kommissar und hält sie dabei seinen schmerzenden Hals fest.

Epilog

Sowohl der Thomas-Peiniger als auch die Jesscia wurden ins Krankenhaus gebracht und konnten gerettet werden. Der Kommissar hatte sich gar nicht das Genick gebrochen.

Josefine musste wieder ihre Pillen nehmen und versprach hoch und heilig, dass sie das nicht wieder vergessen wird.

So, das ist also mein Krimi. Ich hoffe, er gefällt euch.

Hoffe auf eure Antwort. Bis denne,

Eure “Pseudo Num”-Inge