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Warners Warnung

August 22, 2015 - Lesezeit: ~1 Minute

Warner warnte in Wanna: Weil: Kanna. Dort warnte Warner vor der Wanne im Manne, der Ursache allen Elends.

Er erklärte mit dröhnender Stimme auf der B73:

Die Wanne im Manne ist die Pfanne der Kanne! Wer diesen grundsätzlichen Zusammenhang nicht erkennt, der begibt sich in große Gefahr! Wer nicht die richtigen Schlüsse zieht, wird vom Angesicht der Erde getilgt, wenn sie kommen! Wer unvorbereitet ist, wenn sie kommen, muss mit dem Schlimmsten rechnen! Dem Schlimmsten!

Diese Worte wiederholte er immer und immer wieder, bis schließlich ein Streifenwagen kam und Warner mitnahm. Im Wegfahren waren seine Warnungen noch immer zu hören, immer leiser, bis der Wagen um die nächste Ecke bog.


Resignation

April 4, 2014 - Lesezeit: ~1 Minute

Er hielt sich an der Laterne fest, krümmte und übergab sich. Es war spät und niemand mehr auf den Straßen unterwegs. Die Laterne gab nur wenig Licht von sich, das Erbrochene auf seiner Hand glitzerte dennoch.

Mühsam schleppte er sich weiter die Straße entlang, stolperte ab und an über Kopfsteinpflastersteine. Im Kopf schwamm eine Brühe unzusammenhängender Gedanken, die sich beim besten Willen nicht zu etwas Brauchbarem verbinden wollten.

Seine Mutter erschien einige Male vor seinem geistigen Auge und erzählte irgendetwas, das er nicht verstand. Manchmal schien sie wütend zu sein. Aber letztlich war es egal, solange er sie nicht verstehen konnte.

Dann dachte er an seine Frau und die Schläge, die in Kürze auf sie niederprasseln würden. Seine Wut auf alles konnte sich in Gewalt und Erniedrigung teilentladen. Ein Lächeln huschte über das von Resignation geprägte Gesicht.


Dostojewski: Arme Leute

April 27, 2013 - Lesezeit: 2 Minuten

Der Beamte Makar Alexejewitsch Dewuschkin und die Näherin Warwara Alexejewna Dobrosjolowa haben es wahrlich nicht leicht. Der ältere Beamte, der als eine Art Dokumentkopierer des 19. Jahrhunderts Texte abschreibt, könnte sich mit seiner Arbeit leidlich über Wasser halten, wenn er keine Schwäche für Alkohol und junge Frauen hätte.

Die Näherin hingegen stürzt unvorbereitet und schuldlos in die Armut, flieht vor einer garstigen Verwandten, die ihr kein guter Ersatz für die verstorbenen Eltern sein kann. Ihre unbeschwerte Kindheit wird mit dem Umzug nach St. Petersburg und den finanziellen Problemen des Vaters beendet.

Die eigentliche Geschichte wird indirekt mit Briefen erzählt, in denen sich die beiden auf dem Laufenden halten. Makar umschmeichelt Warwara dabei ständig mit Kosenamen, Umschreibungen und Geschenken.

Warwara lässt es sich ein Weile gefallen, doch nach einiger Zeit spitzt sich die jeweilige Lage drastisch zu. Es wird klar, dass Makar sich finanziell komplett verausgabt hat, um Warwara zu beeindrucken. Sie leidet hingegen an Schwäche und kann ihren Tätigkeiten oft nicht nachgehen. Zwar machen Makars Briefe ihr Leben etwas erträglicher, aber das ändert sich, als sie das wahre Ausmaß Warwaras Probleme bescheid weiß. Letztlich muss sie selbst Geld an Makar schicken, um diesem das Nötigste zu ermöglichen, während sie selbst kaum genug Geld zur Verfügung hat.

Der Konflikt löst sich erst, als Makar Geld von seinem Vorgesetzten zugesteckt bekommt, während Warwara sich unabhängig davon verpflichtet, eine Zweckehe mit einem ungehobelten Gutsbesitzer einzugehen, um überhaupt eine Perspektive zu haben. Sie verlässt mit ihm die Stadt.

Hätte sich Dostojewski allein mit dem Schmücken dieser Handlung beschäftigt, wäre das Buch sicherlich kaum lesenswert. Die Details machen den Unterschied.

Dostojewski porträtiert das Leben bitterarmer Menschen im städtischen Leben Russlands im 19. Jahrhundert. Wer vergessen haben sollte, dass Armut ein hohes Sterblichkeitsrisiko mit sich bringt, wird durch dieses Buch deutlich daran erinnert, dass arm sein damals unglaublich grausam gewesen sein muss.

Der tägliche Überlebenskampf der Figuren lassen verstehen, in welche aussichtslosen Zustände man geraten und wie aussichtslos das Leben werden kann. Wer sich in die Zeit einfühlen möchte und damit leben kann, in erster Linie mit Rückschlägen konfrontiert zu werden, dem ist das Buch zu empfehlen.


Kafka: Das Schloss

Januar 19, 2011 - Lesezeit: 8 Minuten

Nicht überall wird man mit offenen Armen empfangen, selbst wenn man eingeladen wurde. Diese Erfahrung muss der Landvermesser K. machen, als er aus beruflichen Gründen ein Dorf in der Nähe eines Schlosses aufsucht.

Inhalt

Eigentlich will er Land vermessen, aber tatsächlich ist er aus nicht ganz klärbaren Gründen herbeordert worden, obwohl offenkundig kein Landvermesser gebraucht wird1)und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …. Es ist bereits alles vermessen. Aus ebenso wenig nachvollziehbaren Gründen möchte K. jedoch im Ort bleiben; anfangs, um bei hartem Winter nicht wieder so einfach heimkehren zu müssen, schnell aber mehr, um den Verwaltungsapparat »Schloss« zu begreifen, der sich dem logischen Menschenverstand zu verschließen scheint.

Das Schloss und seine Bewohner leben in einer Parallelwelt, die von der Welt der Dörfler strikt getrennt ist. Jedes Zusammentreffen, jede wie auch immer geartete Berührung körperlicher oder schriftlicher Art ist ein schier nicht interpretierbarer, unverständlicher Vorgang für den Außenstehenden.

Man weiß die meiste Zeit nicht: Sind die Menschen im Dorf nur besonders abergläubisch und interpretieren in das Schloss und dessen Vertreter abwegige Phantasien, die sich im Laufe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten gebildet haben, oder sind die Herren aus dem Schloss tatsächlich die Übermenschen, als die sie von so manchen Dorfbewohner dargestellt werden. Bestes Beispiel ist der Beamte »Klamm«, der allen Dorfbewohnern ein Begriff ist und unerreichbar erscheint …

In den folgenden Tagen lernt K. die Bewohner des Ortes und deren Ansichten zum Schloss kennen und will dem Mythos näherkommen. Wobei: »kennen« trifft es nicht. Obwohl K. systematisch und zielgerichtet vorgeht, praktisch die Zwiebel von außen nach innen zu pellen versucht, findet er hinter jeder Schicht neuer Erkenntnisse nur eine weitere, rätselhaftere, unverständlichere Schicht. Er kommt dem Schloss nicht näher, er findet keinen Kontakt zu den Beamten dort. Im Ganzen kommt er dem Verständnis der Vorgänge nicht wesentlich näher.

Unschönerweise muss K., nachdem seine Nutzlosigkeit für die Gemeinschaft fast schon von Beginn feststeht, Möglichkeiten finden, seinen Status zum Besseren zu wenden und sich mit dem Schloss gut zu stellen. Zu diesem Zweck behelligt er jeden, der sich behelligen lässt2)abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht.

Besonders merkwürdig mutet das dabei entstehende »Verhältnis« zu einem jungen Mädel namens Frieda an. Ohne, dass beide nennenswert verliebt ineinander scheinen, verspricht sich wohl jeder etwas von der Beziehung mit dem Partner: Frieda will wohl ihre Exklusivität mit dem »Fremdenbonus« erhöhen, K. möchte gern Zutritt zur Dorfgemeinschaft, die ihm als Sprungbrett zum Schloss dienen soll.

Alles wird aber nur schlimmer. Durch seine Aufklärung suchende »Sturheit« (dem Benutzen seines gesunden Menschenverstands), die nirgendwo auf Widerhall trifft, wird seine Situation immer auswegloser, er »verscherzt« es sich mit immer mehr Leuten und verletzt ungeschriebene (und nicht selten unsinnig erscheinende) Regeln. Am Ende ist nichts Nennenswertes erreicht.

Gedanken

Das Ende des Buchs finde ich – auch nach längerem Nachdenken – nicht besonders befriedigend. Der erste Eindruck war: »Wie! Vorbei? Wo ist das Ende?« Eigentlich hätte man erwartet, dass das Buch wie schon »Der Prozess« mit dem Tod der Hauptfigur endet.

Eben noch erzählt das Mädel, das Friedas Posten zeitweise übernehmen durfte, von den Intrigen, die K. wohl übersehen habe (und die er gerne abstreitet), dann wird in Aussicht gestellt, dass K. in Zukunft bei den wenig geachteten Zimmermädchen unterkommen darf und vielleicht das ein- oder andere Mal einer Wirtin bei der Wahl ihrer Kleidung helfen darf. Dann ist abrupt das Ende erreicht. Verstoßen ist er nicht, angekommen aber wohl auch nicht3)Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig..

Im Vergleich zu »Der Prozess«4)bisher noch nicht hier vorgestellt fehlt der große Bogen und eine nennenswert voranschreitende Handlung. Ich hatte bei all den Besuchen und Forschungen des K. wenig den Eindruck, dass auch nur eine Chance auf Besserung bestand, sodass mir das Buch gegen Ende ermüdend erschien5)so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?.

Gerade dieser Aspekt ist einer, der mir besonders hängen geblieben ist. Die Menschen des Dorfes reagieren zumeist ablehnend, intransparent und unwahrhaftig (im Sinne von K.). Es gibt gefühlt keinen Platz für echte Nähe. K. wird im Dorf nicht gebraucht und ist letztlich nur sinnlos eindringender Störenfried.

Vielleicht gerade wegen der Aussichtslosigkeiten ist es nicht schlecht geeignet, im Winter bei Schnee und Glätte gelesen zu werden. Man verfolgt die traurigen Anstrengungen des K., denkt an die eigenen traurigen Anstrengungen beim Fahren bei Glatteis, und kann sich doch ein wenig darüber freuen, dass es einem nicht so schlecht ergeht wie K.

Fußnoten   [ + ]

1. und manch einer vermutet, dass K. gar kein Landvermesser ist …
2. abgesehen von seinen nutzlosen Gehilfen, deren Rolle sehr ambivalent erscheint: einerseits anhänglich und hilfbereit, andererseits hinterlistig und vielleicht böswillig; man weiß es nicht
3. Man kann berechtigterweise einwenden, dass Kafka das Buch nicht beenden konnte und sich daraus das seltsame Ende ergibt. Das erklärt sicher einiges, bringt dem Leser effektiv aber wenig.
4. bisher noch nicht hier vorgestellt
5. so ermüdend wie Kafka zu diesem Zeitpunkt das Leben erschien?